Wo man sich die Mozartkugel schmecken lässt

12. Juli 2004, 21:30
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Die ruhig gestellte Festivalstadt Salzburg wurde zum Feld für provokante und amüsante Interventionen erkoren

Unheimliche Geschichten aus einer fiktiven Republik von Meg Stuart, Sarah Chase, Elena Kovylina und einigenBrandstifter in der Sommerszene Salzburg


Salzburg - Elena Kovylina geht auf den Strich. Die Moskauer Künstlerin stellt sich nachts auf eine wenig befahrene Straße in Salzburg. Wenige Minuten später sitzt sie im Wagen eines Freiers. Im Hotelzimmer angelangt, wird sie Geld kassieren und dem verblüfften Klienten eröffnen, dass er Teil einer Kunstaktion mit Titel Moral Inspection sei. Er könne sich sein Geld anderntags coram publico wieder abholen. Die "Inspektion" zielt weniger auf den einzelnen Liebesdienstempfänger, sondern auf die lasche öffentliche Diskussion über die Schattenseiten der Prostitution: Zuhältertum und den Menschenhandel.

Moral Inspection war eine sehr gelungene Aktion des Kunstprojekts redefining action, das unter der Leitung der Choreografin Meg Stuart im Rahmen des Festivals Sommerszene Salzburg lief. Stuart spielte die Präsidentin in dem von Festivalleiter Michael Stolhofer vor zwei Jahren gegründeten Kunststaat "republic", und Kovylina amtierte als Ministerin für Macht und Kontrolle. Die künstliche Künstlerregierung schlitterte von Beginn an erfolgreich in eine ordentliche Krise, geriet in Konflikt mit seinen staatseigenen Medien, dem Printsektor, einem aufmüpfigen Sommerszene-TV und dem virtuosen Radioartisten "eSeL" Lorenz Seidler.

Das Ministerium für Verzerrung unter "Big Art Group"-Regisseur Caden Manson, New York, setzte das Gebäude der Kunstrepublik so effektvoll wie virtuell (durch Videoprojektionen) in Brand. Das "republic"-Oberhaupt wiederum erörterte in einem Lautsprecherwagen den Fetischcharakter der Mozartkugel und etliche Gründe dafür, warum man sich die runde Köstlichkeit sonst wohin schieben könne: Der schlichte Ansatz gewann durch die vollmundige Ausführung. Die Wiener Choreografin Milli Bitterli ließ, als Britney Spears verkleidet, in einer Auftragsaktion für das Propagandaministerium Passanten eine Kirchenfassade küssen und kosten. Die Ministerin für Unsichtbarkeit, die Choreografin Isabelle Schad, verschwand nach Berlin.

Die Politikspiel des Kunststaates konnte gar nicht scheitern, weil auch das Versagen der Regierung möglicher Teil des Projekts war. Die Unternehmung redefining action dagegen zeigte, wie schwer es sein kann, in dem spektakelhaften Museum Salzburg überhaupt wahrgenommen zu werden. Die meisten teilnehmenden Künstler waren von der Symbolhaftigkeit ihrer Rollen überfordert. Sie gewannen erst dann an Sicherheit, als das künstlerische Regime einige Tage an "Geschichte" produziert hatte.

Als Präsidentin verkaufte sich Stuart unter Wert. Doch als Choreografin und Tänzerin in ihrem gemeinsam mit dem Kanadier Benoît Lachambre geschaffenen neuen Stück, Forgeries, love and other matters zeigte die 39-Jährige ihre alten Stärken: In einer Hügellandschaft aus braunem Kunstpelz versuchen sich ein Mann und eine Frau an einer stotternden Liebesgeschichte, die mit bitteren Tränen beginnt und in einem picksüßen Happyend ausklingt. Nicht nur Stuart und Lachambre beweisen dabei fabelhafte Qualitäten, auch der New Yorker Hahn Rowe, der als musikalischer Wettergott das Soundklima gestaltet, ist ein ausgezeichneter Darsteller. Als kaum beachteter Gast lässt er zarte musikalische Zirruswolken aufsteigen, die sich zu Unwettertürmen verdichten.

Zur zweiten Natur

Die Wirklichkeit in Forgeries, love and other matters ist ein Produkt der Interpretation, und dieses wird zu einer zweiten Natur. Lachambre und Stuart rutschen in eine absurde Emotionsprärie, geraten in eine unter einem Hügel versteckte Kontrollkabine. Die weiche Oberfläche ist trügerisch. Wie bei Sacher-Masoch versteckt die Liebesgöttin Venus auch hier einen kalten Marmorleib unter ihrem Pelz. Doch das Paar entzieht sich der Faszination dieses Fetischs und kommt wieder an die kuschelige Oberfläche - in Pelzoveralls werden die beiden eins mit ihrer Fantasie.

Mit der Verwischung der Grenzen zwischen Fiktionen und Fakten arbeitet auch Sarah Chase, die ihr gesten- und tanzunterstütztes Geschichtenerzählen zu einer wahren Meisterschaft entwickelt hat. Die Scheherezade aus Kanada, im Kunststaat die Ministerin für Geschichten, lächelt auch dann, wenn das Unheimliche in ihren Storys einige befremdliche Fäden zieht. Das wirkt mindestens ebenso irritierend wie die fiktive Regierung der Künstler in Salzburg - als Karikatur der Realpolitik - insgesamt. (DER STANDARD, Printausgabe, 13.7.2004)

Von
Helmut Ploebst
  • "Forgeries, love and other matters" heißt die Stätte der Erkundung in einer imaginären Wohlfühlwelt.
    foto: sommerszene

    "Forgeries, love and other matters" heißt die Stätte der Erkundung in einer imaginären Wohlfühlwelt.

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