Viele Stimmen, wenig Substanz

18. Juli 2004, 18:02
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Gilberto Gil besorgte den vorweggenommenen Ausklang des Wiener Jazzfests

Wien - "Man merkt, dass er Politiker geworden ist", vernahm man am Samstagabend im Arkadenhof des Wiener Rathauses aus dem Publikum. Vorne auf der Bühne stand Gilberto Gil, Superstar und Kulturminister Brasiliens, der sich in artigen Danksagungen an Jazzfest, Botschaft und Kulturstadtrat erging. Die Bühnenpräsenz des 62-Jährigen machte derlei Anflüge von Amtlichkeit freilich schnell vergessen: Juvenile Energie war da zu spüren, nach bester Tropicalia-Manier wurden alte Hits mit Dub und HipHop aufgepeppt, erhielten die Sidemen, darunter der Österreich-stämmige Violinist George Mauthner, viel Raum für improvisatorische Ausflüge zugeteilt.

Ein brasilianischer Abend als vorweggenommener Ausklang des diesjährigen Jazzfests Wien: Diese Bewertung scheint zulässig, nachdem durch die Absagen von Alicia Keys, Jamie Cullum und Bond das weitere Programm arg dezimiert wurde. Wobei den Veranstaltern mit dem Storno der letzteren Crossover-Girlies wohl eine arge Blamage erspart blieb. Wird der erweiterte "Jazz"-Begriff, der hier seit Jahren praktiziert wird und über den zu klagen man müde geworden ist, doch mit einem "unpuristischen" Qualitätsanspruch begründet.

Dabei ließen sich anno 2004 bei gutem Willen ansatzweise echte Programmkonturen ausmachen. Schien doch das inoffizielle Generalthema, das sich von Rebekka Bakken im Museumsquartier über die Staatsopernabende bis hin zu Gilberto Gil zog, "Stimmen" zu lauten - ein Sujet, das zurzeit im Jazz höchste Aufmerksamkeit genießt. Und das beim Jazzfest freilich keine aktualitätsgemäße Behandlung erfuhr: Junge Beiträge blieben mit wenigen Ausnahmen außen vor, Wiederholungen von Interpreten und Programmen waren angesagt.

Klangvolle Namen scheinen nach wie vor wesentlichstes Selektionskriterium zu sein. Wobei gerechterweise hinzufügen ist: Nicht nur Neuigkeiten, auch echte Abstürze waren rar - nein, nicht Lucio Dalla, der an der mitunter abenteuerlich intonierten Klarinette ein Jazzprogramm mit sympathischem Trashfaktor absolvierte, allein Barbara Hendricks wird mit ihren manierierten Standardversionen heuer in dieses Kapitel der Jazzfest-Geschichte eingehen.

Vorbildlichkeit war zweifellos dem Saxofon-Schwerpunkt in der nach mehrjähriger Pause wieder bespielten Kammeroper zu attestieren. Trotz eines ob seiner 73 Jährchen schon etwas altersmüden Jackie McLean, trotz eines Francesco Cafiso, der die Sidemen des Joris-Dudli-Trios erst zwei Stunden vor dem Konzert kennen lernen und so wohl nur zum Teil zeigen konnte, über welches "Wunderkind"-Talent er als 15-Jähriger verfügt.

Mit James Carter hatte man immerhin den wohl bedeutendsten jüngeren Saxofonisten des schwarzen Jazz nach Wien geholt. Wer weiß, dass Ornette Coleman Anfang Juli zwar in Ljubljana, nicht aber in Österreich konzertierte, der ahnt, dass hier noch mehr möglich gewesen wäre.

Doch man will nicht unbescheiden sein: Könnte kommendes Jahr an die heuer angedeuteten Konzeptlinien angeknüpft werden, könnten diese mit anderen als den sattsam bekannten Stargesichtern zum Leben erweckt werden, dem Jazzfest Wien könnte eine würdige 15. Ausgabe bevorstehen. (DER STANDARD, Printausgabe, 13.7.2004)

Von
Andreas Felber
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    Nach bester Tropicalia- Manier wurden alte Hits mit Dub und HipHop aufgepeppt: Gilberto Gil, Superstar und Kultur- minister Brasiliens, mit juveniler Energie beim Jazzfest im Wiener Rathaus.

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