Und das Hundsvieh, das hat Zähne"

12. Juli 2004, 21:54
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Marco di Sapia, Gabriela Bone, Camillo dell'Antonio und Maida Karisik in "The Beggar's Opera"

Im Programmheft Wauwaus aller Art: bullige, schmale, verlauste, zarte; zähnefletschend, gähnend, kämpfend und kopulierend. Siehe und wisse: Homo homini lupus, der Mensch ist seinem Mitmenschen ein Wolf, eine Bestie, ein Teufel, seit Anbeginn und auf immerdar. In kapitalistischen Zeiten zu deuten als: Was zählt, ist die Marie, und wer auf die Moral setzt, der ist ein armer Hund.

Auch John Gay, Dichter im England des frühen 18. Jahrhunderts, kam zu dieser Erkenntnis, und so verfasste er anno 1728 gesellschaftskritisierend ein Libretto zu einer Balladenoper, darin er den heiteren Reigen von Intrige und Denunziation, Bestechung und Günstlingswirtschaft der gepuderten und perückenbesetzten Stände geschickt als knallige Unterweltsgaunerstory camouflierte.

Kaum 220 Jahre später besann sich ein Landsmann Gays, gerade mit dem Emporbringen der seit ewigen Zeiten darniederliegenden musiktheatralischen Produktion seines Landes beschäftigt, des schlagkräftigen Zeilenwerks. Im Gegensatz zum Kollegen Weill, dessen zwei Dezennien zuvor erfolgte musikalische Auslegung des von Bertolt Brecht adaptierten Stoffes mit einer innovativ windschiefen, schorfigen Räudigkeit zu punkten wusste, entschloss sich Benjamin Britten jedoch, den Weg der romantischen Operntradition in gemäßigt moderner Gangart fortzuschreiten.

Im Schlosstheater Laxenburg servierten Neue Oper Wien-Intendant Walter Kobéra und das amadeus ensemble wien das halbe Hundert der feinen, kleinen, von Britten überwiegend mit zartweicher Sinnlichkeit gefüllten Songhäppchen aus The Beggar's Opera mit teils großer Klangdelikatesse. Das solide Vokalensemble garnierte mit Sicherheit und Durchschlagskraft. Paul Flieder forcierte in seiner polyaktionistischen Inszenierung das Moment des Drallen, Prallen, Busenwallenden, die von ihm verantworteten Dialogschaften gern in Richtung kopfwehfördernder Gags frisierend.

Die vage noblen Kostüme sowie der den Bühnenraum auskleidende Bretterverschlag (beides: Christof Cremer) ließen stilistische Prägnanz und Kohärenz zwei arme Waisenkinder sein. Den sie umgebenden Unbilden zum Trotz setzten Camillo dell'Antonio als nett windhundiger, stimm- und höhensicherer Macheath und auch Anna Clare Hauf als dralle, ordinär-sexsüchtige Mrs Peachum der in gemäßigtem Applaus verendenden Aufführung erfreuliche darstellerische Glanzlichter auf. (end/DER STANDARD, Printausgabe, 13.7.2004)

Schlosstheater Laxenburg

bis 4. 8.

01/588 85

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Neue Oper Wien
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    foto: neue oper wien
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