"Pastoraler Supergau": Krenn lehnt Rücktritt ab

14. Juli 2004, 09:14
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Der Bischof soll, laut Kritikern, zurücktreten, doch Kurt Krenn macht trotz Kinderporno­affäre weiter wie gehabt - Theologe Zulehner: Alkoholprobleme

Nach dem Platzen der Bombe – der Veröffentlichung von Bildern schwuler Berührungen von Lehrern und Schülern des St. Pöltner Priesterseminars – befanden sich die Angesprochenen am Montag allesamt in Deckung: Nur Egon Kapellari, der als erster Diözesanbischof und in Vertretung des im Ausland weilenden Kardinals Schönborn zur Affäre im Priesterseminar St. Pölten Stellung nimmt. "Hier hat sich offensichtlich ein Sumpf aufgetan, der schleunigst trockengelegt werden muss", erklärte Kapellari in seiner Eigenschaft als stellvertretender Vorsitzender der Bischofskonferenz der "Kleinen Zeitung".

Der Vatikan gab keinerlei Erklärung zu der Zuspitzung in der Affäre um Krenns Priesternachwuchs ab; wie berichtet, ermittelt die Polizei in St. Pölten seit mehr als einem halben Jahr wegen des Verdachts auf Kinderpornografie. Man befinde sich ja auch "in einer ungewöhnlichen Situation", spezifizierte Schönborn-Sprecher Erich Leitenberger: "Was in St. Pölten offenbar geschehen ist, stellt – bitte sehr – nicht den Allgemeinzustand in den österreichischen Priesterseminaren dar!". Dafür redete einer aus dem äußeren Kreis – und wählte scharfe Worte: Die Vorkommnisse kämen einem "pastoralen Supergau" in der ohnehin von Gläubigenschwund gebeutelten St. Pöltner Diözese (1999: 577.471 Katholiken, 2001: 573.584 Kirchenmitglieder) gleich, sagte der Theologe Paul Zulehner.

Zulehner legt Krenn Rücktritt nahe

Als "heroischen spirituellen Akt" legte Zulehner Krenn einen Rücktritt nahe. Der Bischof solle zugeben, dass ihm "der Alkohol zu sehr zusetze" – und dass er "eigentlich nicht mehr in der Lage ist, solche fürchterlichen Vorgänge ...zu verhindern". Doch einen Rückzug hatte der umstrittene Kirchenfürst schon am Morgen, vor der Sitzung seines bischöflichen Konsistoriums, kategorisch ausgeschlossen.

Über Konsequenzen für Krenn werde demnach im Rom entschieden, stellte Schönborn-Sprecher Leitenberger fest: "Sie können sicher sein, dass man dort über alle relevanten Vorgänge informiert ist." Zumal, so Leitenberger, der apostolische Nuntius in Österreich, Erzbischof Georg Zur, einer Berichtspflicht unterliege. Und man "im Vatikan auf die Qualität der Priesterausbildung besonderen Wert legt".

Neuer Seminarleiter "von Krenns Gnaden"

In St.Pölten hat der in die Defensive geratene Krenn diesen sensiblen Bereich erst vor wenigen Tagen in fragwürdige Hände gegeben. Nach dem Rücktritt des auf den inkriminierten "Weihnachtsfeierfotos" abgebildeten Priesterseminarleiters Ulrich Küchl hat er Werner Schmid zum neuen Regens ernannt: Einen Mann, den der Kenner der Diözese und Bischofskritiker, Pater Udo Fischer, als "Mann von Krenns Gnaden" bezeichnet.

Schon im Jahr 1992 war der als extrem konservativ bekannte Schmid als Käufer des Hauses des "Kirchenwirt Steiner" in Hain bei St. Pölten in Erscheinung getreten. Er hatte umgerechnet 470.000 Euro auf den Tisch gelegt, um im ehemaligen Wirtshaus ein Wohnheim für Priesterseminaristen einzurichten, denen die damals noch liberalen Zustände im St. Pöltner Seminar nicht zusagten. Der Journalist und Buchautor Thomas M. Hofer ("Gottes rechte Kirche, Katholische Fundamentalisten auf dem Vormarsch") sieht Schmid in einem Nahverhältnis des rechtslastigen "Werk Mariens" stehen.

Vor zwei Jahren dann habe Krenn mit Küchl einen Mann seines Kalibers zum Chef des Priesterseminars erkoren, erzählt Fischer weiter. Gleichzeitig sei die St. Pöltner Ausbildungsstätte aus der gesamtösterreichischen Ausbildungsordnung ausgeschert, ergänzt Leitenberger.

Vor allem das einjährige Propädeutikum – eine Phase, in der junge Männer ihren "Wunsch, Priester zu werden, auf dessen Standfestigkeit abprüfen können", sei dem Bischof ein Dorn im Auge gewesen. Statt dessen habe er auch Kandidaten akzeptiert, die an anderen Orten an dieser "Prüfung der charakterlichen Reife" gescheitert waren. Einer Reife, die sich unter anderem in sexuellen Verzicht äußern müsse – "sowohl in die heterosexuelle, als auch in die homosexuelle Richtung". (red/Irene Brickner, Der Standard, Printausgabe, 13.07.2004)

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