Musterprozess um Blindgänger: Innenministerium will Fliegerbomben-Bergekosten doch nicht zahlen

13. Juli 2004, 20:20
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Finanzprokuratur hatte ursprünglich eingewilligt, rund 400.000 Euro zu zahlen

Salzburg/Wien/Graz – Der außergerichtliche Vergleich zwischen dem Bund und der Stadt Salzburg um Kosten für die Bergung von Fliegerbomben aus dem Zweiten Weltkrieg ist geplatzt. Innenminister Ernst Strasser (VP) hat sich im letzten Moment nun doch für einen Musterprozess entschieden. Salzburgs Bürgermeister Heinz Schaden (SP) ist verärgert: "Der Innenminister steht nicht zu seinem Wort", meinte Schaden am Montag.

Wie DER STANDARD berichtete, hatte die Finanzprokuratur ursprünglich eingewilligt, rund 400.000 Euro für die Bergung von drei Blindgängern in der Stadt Salzburg zu zahlen, später jedoch widerrufen und zunächst eine außergerichtliche Einigung über die Kostenaufteilung angestrebt. Vergangenen Freitag kündigte der Rechtsvertreter des Bundes jedoch überraschend an, es auf einen Prozess ankommen zu lassen.

Teure Bergungen

Die Stadt Salzburg hat in den vergangenen Jahren konsequent alle Verdachtspunkte untersucht. Basis hiefür waren Luftaufnahmen US-amerikanischer Aufklärungsflieger, die nach Aufhebung der amerikanischen Archivsperre zugänglich geworden sind. 31 Orte wurden im Stadtgebiet untersucht, dabei insgesamt 122 konkrete Verdachtspunkte ausgewiesen.

Strasser befürchtet, dass auch alle anderen künftigen Sondierungen, Bergungen und Abtransporte von explosiven Altlasten auf das Konto des Innenressorts gehen könnte. Nach Schätzungen dürften österreichweit noch 15.000 Blindgänger unter der Erde liegen. Vor allem die Städte Wien, Wiener Neustadt, Linz, Salzburg und Graz sind an dem Ausgang des Prozesses in Salzburg interessiert.

Wie gefährlich die alten Fliegerbomben sind, zeigte die Detonation vor einem Jahr bei der Spedition Schenker im Salzburger Bahnhofsbereich, bei der zwei Männer des Entminungsdienstes ums Leben kamen. Ein dritter Beamter, Franz S. (50), wurde schwer verletzt, als die 250-Kilo-Bombe hochging. Er ist immer noch in ärztlicher Behandlung. Der Mann hatte unter anderem schwere Augen- und Ohrenverletzungen erlitten. Im Durchschnitt verzeichnet der Entminungsdienst drei Einsätze pro Tag. Einer davon am Montag in Graz entpuppte sich als harmlos: Die Metallteile, die bei Gleisarbeiten beim Grazer Bahnhof gefunden wurden, waren die Reste einer längst detonierten Granate. (APA, cms, simo, Der Standard, Printausgabe, 13.07.2004)

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