EVN steht vor größtem Auslands-Zukauf

20. Juli 2004, 13:05
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Bestbieter bei Privatisierung von bulgarischem Stromverteilunternehmen - Entscheidung über Exklusivverhandlungen im Juli erwartet

Wien - Der börsenotierte niederösterreichische Strom- und Gasversorger EVN hat gute Chancen für einen Einstieg in den bulgarischen Strommarkt und verstärkt mit seiner Teilnahme bei der Privatisierung von Stromverteilern seinen Expansionskurs in Mittelost- und Südosteuropa. Wie berichtet hat die EVN für zwei der drei zum Verkauf stehenden Pakete geboten und ist dabei jeweils Bestbieter. Ein Investor kann allerdings nur für ein einziges Paket den Zuschlag erhalten. Kommt die EVN bei einer der beiden Gruppen zum Zug, wäre dies jedenfalls die bisher größte Auslandsakquisition des niederösterreichischen Konzerns.

"Die bulgarische Regierung wird nun entscheiden, ob und für welche Gruppe die EVN als exklusiver Verhandlungspartner für die Vertragsverhandlungen ausgewählt wird", heißt es dazu am Montag aus der EVN.

Verkauf soll bis September konkret sein

Die Entscheidung über die Exklusivverhandlungen soll bis Ende Juli erfolgen. Die Regierung hofft laut der bulgarischen Nachrichtenagentur BTA, dass der Verkauf - angeboten werden 67 Prozent - bis September über die Bühne geht. Hauptkriterium für den Zuschlag soll der bulgarischen Privatisierungsagentur zufolge der Preis sein, hatte es nach Ende der Anbotsfrist geheißen.

Die EVN ist Bestbieter sowohl für die Gruppe West, die drei Stromverteilunternehmen inklusive der Hauptstadt Sofia umfasst, als auch für das Paket Süd-Ost mit zwei Stromverteilern im industrie- und tourismusstarken Süden des Landes. In der Gruppe Süd-Ost liegt die EVN mit 271 Mio. Euro deutlich vor der italienischen Enel, die 201 Mio. Euro geboten hat. Das Angebot der griechischen PPC lag bei 180 Mio. Euro. Am wenigsten geboten hat hier die tschechische CEZ mit 175,5 Mio. Euro. Die Gruppe Süd-Ost versorgt auf einem Gebiet von rund 42.200 Quadratkilometern fast 1,5 Millionen Kunden. An Strom abgesetzt werden 6.568 GWh. Das Leitungsnetz beläuft sich auf rund 56.000 Kilometer. Im Einzugsgebiet der an Griechenland und die Türkei grenzenden Region liegt auch der Schwarzmeerhafen Burgas.

Die Gruppe West-Bulgarien setzt 7.819 GWh ab, die Kundenzahl liegt bei 1,89 Millionen. Das Leitungsnetz umfasst 36.464 Kilometer, das Versorgungsgebiet rund 36.500 Quadratkilometer. Die EVN bietet für diese Gruppe mit 302 Mio. Euro um 20,5 Mio. Euro mehr als die CEZ (281,5 Mio. Euro). Weiters interessiert sind an dieser Gruppe auch die deutsche E.ON (270,5 Mio. Euro), die Enel (241,2 Mio. Euro) und die griechische Public Power Corporation/PPC (165 Mio. Euro).

EU-Beitritt bis 2007 erhofft

Bulgarien strebt für 2007 den EU-Beitritt an und hat die Beitrittsverhandlungen bereits weitgehend abgeschlossen. Die Wirtschaft wächst jährlich zwischen vier und fünf Prozent. Die EVN setzt in ihrer Unternehmensstrategie verstärkt auf ihre neuen Geschäftsfelder Trinkwasserver- und Abwasserentsorgung sowie thermische Abfallverwertung.

Laut früheren Aussagen von EVN-Chef Rudolf Gruber soll mittelfristig ein Drittel des Umsatzes und des Gewinns aus diesen neuen Geschäftsfeldern kommen. Derzeit läuft eine Kapitalerhöhung der EVN, die bei einem Kurs von rund 45 Euro bis zu 150 Mio. Euro in die Kasse des Unternehmens spülen könnte.

In der bulgarischen E-Wirtschaft hat die Nationale Energieversorgungs- und Übertragungsgesellschaft (NEK) derzeit weitgehend eine Monopolstellung bei der Belieferung der Verteilunternehmen mit Strom. Ein freier Strombezug soll frühestens 2007 ermöglicht werden. Der Marktöffnungsgrad liegt bei 19 Prozent. Kunden mit einem Jahresverbrauch von 100 GWh haben bereits jetzt freien Netzzugang, ab der zweiten Jahreshälfte 2004 soll dies auch für Kunden mit 40 GWh Jahresverbrauch gelten. Die nationale Preisregelung wird von einem Regulator (State Energy Regulatory Commission - SERC) bestimmt.

Die Erzeugungskapazität in Bulgarien lag 2002 nach Daten von Eurelectric bei 10.384 MW, der Stromverbrauch bei 36,4 TWh. (APA)

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