Katholische Kirche macht immer wieder mit Sex-Affären Schlagzeilen

27. Juli 2004, 19:45
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Höhepunkt der vergangenen Jahre: der "Fall Groer" - In der Folge Bewusstseinswandel bei Vorwürfen des Missbrauchsvorwurfes in den vergangenen Jahren

Wien - Die katholische Kirche in Österreich ist in den vergangenen Jahren immer wieder mit Sex-Affären - teils strafrechtlich relevant, teils nicht - in die Schlagzeilen geraten. Den Höhepunkt bildete der "Fall Groer". Die Vorwürfe der sexuellen Belästigung an den 2003 verstorbenen früheren Kardinal Hans Hermann Groer, die erstmals 1985 - noch vor der Ernennung zum Kardinal - kirchenintern geäußert wurden, beschäftigten in den 1990-er Jahren die Öffentlichkeit weit über Kirchenkreise hinaus und machten insgesamt den Umgang der Kirche mit Sexualität, aber auch den Umgang der Kirche mit Fällen dieser Art zu einem Thema.

1985 berichtet der Göttweiger Pater Udo Fischer seinem Abt Clemes Lashofer von sexuellen Belästigungen durch Groer. 1986 wird Groer von Papst Johannes Paul II. überraschend zum Wiener Erzbischof ernannt und im September geweiht. 1988 folgt die Ernennung zum Kardinal. Im März 1995 veröffentlicht das Nachrichtenmagazin "profil" die Vorwürfe eines ehemaligen Groer-Schülers gegen den Erzbischof. Groer schweigt, tritt aber wenig später als Vorsitzender der Bischofskonferenz zurück. Im August gibt Groer bekannt, dass der Papst sein - ein Jahr zuvor dem Kirchenrecht entsprechendes - Rücktrittsgesuch angenommen habe. Christoph Schönborn wird Erzbischof, Groer zieht sich nach Maria Roggendorf zurück.

Groer wird Prior

Ein Jahr später wird Groer Prior des Benediktinerklosters in Maria Roggendorf, einem Ableger von Göttweig. Im Jänner 1998 enthebt der Göttweiger Abt Clemes Lashofer Groer wieder seines Amts: Begründung: neue, kloster-interne Vorwürfe gegen ihn. Lashofer bittet in Rom um eine Apostolische Visitation seines Stiftes. Diese beginnt im März. Im Februar hatte Erzbischof Georg Eder bereits von Beweisen gegen die Vorwürfe gegen Groer gesprochen. Dieser schweigt weiter. Auch nach einer Privataudienz Groers bei Papst Johannes Paul II. wird nichts bekannt. Nach Abschluss der Visitation im März heißt es, alle weiteren Schritte lägen beim Papst. Im April 1998 gibt Groer auf "Bitte des Heiligen Vaters" seinen Wirkungskreis auf und bittet "Gott und die Menschen um Vergebung, wenn ich Schuld auf mich geladen habe".

Mit Sex- oder Missbrauchs-Geschichten in die Schlagzeilen gerieten aber auch weniger prominente Geistliche, die sich in manchen Fällen auch vor Gericht verantworten mussten. Die jüngste Affäre am St. Pöltner Priesterseminar weist dabei gleich zwei Aspekte auf: einerseits ermitteln die Behörden seit Ende 2003 wegen des Herunterladens kinderpornographischer Darstellungen. Andererseits tauchten Fotos auf, die Lehrende und Studierende des Seminars bei sexuellen Handlungen abbilden. Dies - von Bischof Kurt Krenn in einer ersten Reaktion als "Buben-Dummheiten" bezeichnet - widerspricht der Linie der Kirche, gegen Homosexualität aufzutreten. Regens Ulrich Küchl ist bereits vor einigen Tagen zurückgetreten, um eine "Beruhigung der angespannten Lage" zu erreichen. Nun hat auch Subregens Wolfgang Rothe seinen Rücktritt angekündigt.

Stift Geras

Ebenfalls dieses Jahr stand ein anderer kirchlicher Schauplatz in Niederösterreich im Mittelpunkt des medialen und öffentlichen Interesses. Das Stift Geras erhielt nach dem Rücktritt von Abt Joachim Angerer mit dem zum Administrator ernannten Abt der oberösterreichischen Abtei Schlägl, Martin Fellhofer, eine neue Leitung. Dem voraus gegangen waren Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs im Stift durch einen heute 60-jährigen Geistlichen. Der Betreffende wurde 1987 von Angerer noch einmal versetzt. Aber damals, in der Zeit vor der Causa Groer, habe er nicht den Wissensstand von heute gehabt und man habe gedacht, "mit der Versetzung ist das in Ordnung gekommen", so Angerer diesen Februar. Die Missbrauchsfälle zogen sich von 1968 bis 2001. Es wurde von rund 20 betroffenen Buben ausgegangen.

Im Dezember 2003 wiederum wurde ein Tiroler Pfarrer nach Vorwürfen sexueller Übergriffe an Kinder und Jugendliche, die etwa 20 Jahre zurückliegen, seiner Aufgabe entbunden. Der Betroffene weist die Vorwürfe zurück und will sich auch den strafrechtlichen Untersuchungen stellen. In diesem Fall haben sich drei Betroffene bereits vor eineinhalb Jahren gemeldet. Damals wurde nach Darstellung des Abtes des Stiftes Wilten, Raimund Schreier, mit diesen Dreien gesprochen, der Pfarrer habe sich entschuldigt und die Betroffenen seien zufrieden gewesen. In letzter Zeit seien aber die Vorwürfe so massiv geworden, "dass ich die Verpflichtung hatte, ihn vorübergehend von der Pfarre wegzuholen".

2002 gestand auch Abt Berthold Heigl des Stifts Seitenstetten ein, dass man "damals aus heutiger Sicht mehr hätte tun müssen". Das entsprechende Bewusstsein wäre in den achtziger Jahren jedoch noch nicht vorhanden gewesen. Im Stift Seitenstetten wurden zwischen 1986 und 1989 Ministranten teilweise schwerst sexuell misshandelt. Insgesamt lagen 53 Tatbestände mit neun Opfern vor, die zum Zeitpunkt der Übergriffe jünger als 14 Jahre alt waren.

Lange Liste an "Sex-Geschichten"

In die lange Liste an "Sex-Geschichten" aus der Kirche reiht sich auch die Verurteilung eines katholischen Pfarrers der südburgenländischen Gemeinde Rudersdorf zu 18 Monaten bedingter Haft im November 2002 wegen versuchtem sexuellen Missbrauch und Vergehen gegen das Suchtmittelgesetz. Im Februar 2002 stand ein Geistlicher vor Gericht wegen sexueller Übergriffe auf sechs Ministranten und Hauptschüler zwischen 1989 und 1997 in der Pfarre Bromberg in der Buckligen Welt vor Gericht. Im Jänner 2002 musste sich ein Pfarrer vor dem Landgericht Ried wegen sexuellen Missbrauchs von Ministranten verantworten.

Dass der "Fall Groer" die Kirche zu einem geänderten Verhalten im Fall von Missbrauchs-Vorwürfen gezwungen hat, zeigen nicht nur die zunehmenden Verfahren, sondern auch das raschere Agieren und klare Wortmeldungen seitens kirchlicher Würdenträger. So betonte Kardinal Christoph Schönborn erst im November 2003, "wo es in der Kirche zu Missbrauch gekommen ist oder Verdacht auf Missbrauch besteht, muss es vorbehaltlose Aufklärung, umgehende Hilfe für Opfer und angemessene Konsequenzen für Missbrauchstäter geben". Anlass für diese Wortmeldung: ein Informationstag der unabhängigen "Ombudsstelle" der Erzdiözese Wien für Opfer sexuellen Missbrauchs. Und in der Diözese Linz wurden Anfang vergangenen Jahres für ganz Österreich Richtlinien erarbeitet, wie in Fällen des Kindesmissbrauchs durch Priester im Sinn der Opfer und zur Klärung der Sachverhalte vorzugehen ist.(APA)

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    Der 2003 verstorbene Wiener Alt-Erzbischof Kardinal Hans Hermann Groer.

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