Die Macht der Mütter

12. Juli 2004, 11:22
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Sie können die Gefühle der AmerikanerInnen verändern und damit die Wahl entscheiden - eine Kolumne von Naomi Klein

Es gibt eine bemerkenswerte Szene in "Fahrenheit 9/11": Als Lila Lipscomb, die Mutter des Soldaten Michael Pedersen, mit einem Friedensaktivisten vor dem Weißen Haus über ihren Sohn spricht, der 26-jährig im Irak gefallen ist, mengt sich plötzlich eine Passantin ins Gespräch und ruft "Alles nur Theater!" Zunächst beachtet sie Lipscomb nicht. Als die Frau dann aber immer wieder fragt: "Wo ist er gestorben, wo denn?", wendet sie sich um und sagt mit vor Zorn bebender Stimme: "Mein Sohn ist kein Schauspieler, er wurde in Karbala ermordet." Dann entfernt sie sich unter lautem Wehklagen: "Ich brauche meinen Sohn . . .!"

"Dirty War"

Als ich das sah, erinnerte ich mich an andere Mütter, die ins Zentrum der Macht zogen, um gegen den Verlust ihres Sohnes zu protestieren, und damit Kriege veränderten. Während Argentiniens "Dirty War" versammelte sich eine Gruppe von Müttern, deren Kinder nach der Machtübernahme durch das Militärregime "verschwunden" waren, jeden Donnerstag vor dem Präsidentenpalast in Buenos Aires. Während sonst jeder öffentliche Protest untersagt war, zogen sie mit ihren weißen Kopftüchern schweigend ihre Kreise, Fotos von den Verschwundenen vor sich her tragend.

Die Mütter der Plaza de Mayo revolutionierten den Menschenrechtsaktivismus, indem sie ihre individuelle mütterliche Trauer in eine unbeugsame politische Kraft verwandelten. Die Generäle konnten sie nicht öffentlich angreifen, also versuchten sie, durch verdeckte Operationen ihre Organisation zu schwächen. Aber die Mütter trafen sich weiter und haben damit nicht unwesentlich zum Zusammenbruch der Diktatur beigetragen.

Anders als die Frauen damals steht die Mutter in "Fahrenheit 9/11" mit ihren Wutschreien allein vor dem Weißen Haus. Aber Lipscomb ist nicht allein. Immer mehr Eltern in Amerika und Großbritannien erheben ihre Stimme gegen die Regierenden. Vergangene Woche etwa ignorierte die Kalifornierin Nadia McCaffrey eine entsprechende Bush-Verordnung, indem sie Pressefotografen einlud, bei der Ankunft des Sarges ihres Sohnes dabei zu sein. "Mir ist egal, was Bush will", sagte sie gegenüber ReporterInnen, "der Krieg muss aufhören."

Verlust der Angst

Allem Anschein nach haben diese Eltern mit dem Verlust ihrer Kinder auch ihre Angst verloren, was sie in die Lage versetzt, mit großer Klarheit und Bestimmtheit aufzutreten. Das bedeutet eine große moralische Herausforderung für die Bush-Regierung, die ja so tut, als hätte sie die Moral gepachtet. Die Familien von Kriegsopfern weigern sich, den Tod ihrer Liebsten mit stoischem Patriotismus zu ertragen und keine weiteren Fragen mehr zu stellen. Erst waren es die Angehörigen von 9/11-Opfern, die sich dagegen wehrten, für Bushs Kriegspolitik instrumentalisiert zu werden. Jetzt schicken Veteranen- und Elterngruppen Delegationen in den Irak, während McCaffrey versucht, die Mütter der Gefallenen zu organisieren.

Wahlen entscheiden

Wahlen, sagt man, werden immer wieder von scheinbar nebensächlichen Zielgruppen entschieden. Beim letzten Mal waren es angeblich die Mütter von Fußballern, dieses Mal sollen es die Väter von Nascar-Fahrern sein. Am Sonntag sagte allerdings der Vater von Nascar-Champion Dale Earnhardt, dass er seine Freunde dazu animiert habe, "Fahrenheit 9/11" anzusehen, weil das jeder AmerikanerIn nur gut tun könne.

Offenbar gibt es also noch andere Gruppen, die Wahlen entscheiden können: Die Eltern von Kriegsopfern sind zwar zahlenmäßig nicht so stark wie "Soccer-Moms" und "Nascar-Dads", aber sie können etwas verändern, was viel mächtiger ist: die Gedanken und Gefühle der AmerikanerInnen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 12.7.2004)

Die Autorin Naomi Klein ist Bestsellerautorin ("No Logo") und eine der gefragtesten Kolumnistinnen der USA.

Übersetzung: Mischa Jäger

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