Wilco: "A Ghost Is Born"

    4. Oktober 2005, 12:51
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    Neues Album einer Band, die sich immer wieder neu definiert und die Dramatik sucht

    Kaum eine Band hat in den letzten Jahren für so viel Kritikerlob und Dramatik gesorgt wie Wilco. Nachdem schon das letzte Album "Yankee Hotel Foxtrot" in der Presse ausgiebig gefeiert, vom Plattenlabel aber zunächst nicht veröffentlicht wurde und Wilco-Mastermind Jeff Tweedy die halbe Band entlassen hatte, bietet nun auch "A Ghost is born" genug Diskussionsstoff.

    Immer auf der Suche nach Neuem

    Eine Band wie Wilco, die 1994 aus den wunderbaren Uncle Tupelo hervorging, scheint nicht einfach eine grandiose Platte auf den Markt bringen zu können; kaum war die neue CD veröffentlicht, schon folgte die nächste Überraschung. Jeff Tweedy kündigt an, dass er statt einer ausgiebigen Tournee zunächst eine Entziehungskur machen werde. Der bekennende Alkoholverächter Tweedy, als dessen einziges Laster bisher das Rauchen galt, hatte über Jahre hinweg verschreibungspflichtige Schmerzmittel gegen seine chronische Migräne und seine Panikattacken geschluckt.

    "A Ghost Is Born"

    "A Ghost is Born" ist die konsequente Weiterentwicklung der beim Vorgängeralbum "Yankee Hotel Foxtrot" eingeschlagenen Richtung der Band - weg von der heimatlichen Alternative-Country-Szene und dem bodenständigen Americana-Sektor hin zu mehr Innovation und einer großen Portion Experimentierfreudigkeit. Das mittlerweile fünfte Wilco-Album ist geprägt von schroffen Gitarren, schrägen Töne und schillernde Harmonien. Der Zuhörer ist zwischen wunderbar verträumten Melodien mit eingängigen Texten und beinahe schon Avantgarde-Klängen hin und her gerissen.

    Auf der Suche nach Identität

    Das neue Wilco-Album ist keine leichte Zwischendurch-Kost, sondern verlangt nach oftmaligem Hören. Doch Jeff Tweedy schafft es problemlos, dass man seinen Gedanken und Gefühlen folgen will und die Platte mehrmals durchlaufen lässt. Für eingefleischte Wilco-Fans und Neulinge könnte die Platte einige Überraschungen bieten, die es zu "bewältigen" gilt - dafür wird man aber mit einem wundervollen Album belohnt. Tweedy selbst meinte zu seiner neuen CD, dass es ein Album über die Suche nach Identität sei.

    Am Anfang steht die Trauer

    Der erste Track "At Least that`s what you said" beginnt als tieftraurige Ballade. "When I sat down on the bed next to you / you started to cry." Eine unaufdringliche aber eingängige Klavierbegleitung fängt die Traurigkeit ein. Das Lied entwickelt sich zu einem großen See aus Depression und Schmerz, der sich plötzlich und unvermittelt in einem schnellen Gitarrensolo entlädt und die Traurigkeit in die Welt hinaus zu katapultieren sucht. "I thought it was cute for you to kiss my purple black eye / Even though I caught it from you."

    Das gesamte Album ist voller kleiner Perlen, die es zu entdecken gilt, und der man ausführliche Erklärungen und Emotionen folgen lassen möchte. Sei es nun beim wechselhaften "Spiders (Kidsmoke)", das nach sieben Minuten von einem nett dahin plätschernden Lied getrieben von Tweedys "Flüstergesang" zu einem echten Rocksong hochschaukelt. Oder auch "Hummingbird", das mit "his goal in life was to be an echo / riding alone, town after town, toll after toll / a fixed bayonet through the great southwest / to forget her", eine zärtliche Klavierballade, die Tweedys Songwriter-Qualitäten offenkundig zeigt.

    "Wishful thinking"

    Das Geheimnis der Platte und den wunderbarsten Text offenbart "Wishful Thinking": "Fill up your mind with all it can know / Don't forget that your body will let it all go." Eine Melodie zum Träumen die eine perfekte Atmosphäre für die Momente vertrauter Zweisamkeit schafft. Als Jeff Tweedy seinen Aufenthalt in der Entziehungsanstalt bekannt gab, war das Album schon von einigen Kritikern gehört worden. Viele sehen im Song "Handshake Drugs" schon ein Vorwegnehmen der Entwicklungen des Sängers - "I belive that`s the only way for me to be / exactly what you want me to be." Eingebettet zwischen zwei großartigen Songs - einerseits "Theologians" und andererseits dem lockeren Ohrwurm "The Late Greats" - sorgt "Less than you think" für Aufregung und Erregung - und dies nicht nur bei diversen Kritikern. Dieses "Experiment" dauert nicht weniger als 12 Minuten und wird für viele Hörer wohl tatsächlich zur Geduldsprobe werden.

    "A Ghost is Born" reiht sich nahtlos in die Reihe von Wilco-Meisterstücken der letzten Jahre und bietet Lieder zum Immer-wieder-und-immer-öfter-hören". Es ist aber sicherlich auch eine Aufforderung an die HörerInnen ihre eigene Identität - als Musik-KonsumentIn zu finden und zu suchen. Oder wie Tweedy in einem Interview meinte: "Ich erwarte gar nicht, dass jemand das vollständig hört. Das Album ist so aufgebaut. dass "Late Greats" und der Gedanke Was kann nun schlimmes passieren? immer folgerichtig kommen. Egal, wo du die Taste drückst, wann du zum letzten Track springst, der Übergang stimmt immer." - Und Recht hat er.(grex)

    Wilco: "A Ghost Is Born" (Nonesuch 2004)

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    Wilco

    Die Songs zum Reinhören

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      coverfoto: nonesuch
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