Schöne neue Plastikwelt

18. Juli 2004, 20:51
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Mit Nanotechnologie soll aus dem einstigen Wegwerfprodukt ein intelligenter Werkstoff werden

Der Ruf nach Jute statt Plastik ist längst verhallt. Kunststoffe haben alle Lebensbereiche erobert. Mit neuesten Forschungs- und Herstellungsverfahren wie der Nanotechnologie wird aus dem Billigmaterial ein intelligenter Werkstoff. "Kunststoff ist nicht immer das dumme Produkt, das wir heute kaufen und morgen wegwerfen", sagt Andreas Eder, Leiter der Forschung und Entwicklung bei Österreichs führendem Kunststoffveredler Gabriel-Chemie. Das Unternehmen ist Partner im Kunststoff Netzwerk Ostregion. Eder entwickelt mit seinem Team so genannte Masterbatches, Additivkonzentrate (Wissen), die Standardkunststoffe "in diverse Richtungen optimieren".

Derzeit werden die Additive vor allem verwendet, um Kunststoffe für die Verpackungs- und Computerindustrie antistatisch zu machen. "Aber Kunststoffe können noch viel mehr." Das Zukunftspotenzial der Branche liege in der Nanotechnologie. Mit dem Zusatz von Carbon Nano Tubes, kleinen Röhrchen aus reinem Kohlenstoff, wird aus Basiskunststoffen ein Material mit Mehrwert, das vielfältig einsetzbar ist. Eder: "Früher waren in einem Auto noch 50 verschiedene Kunststofftypen zu finden. Heute wird stark reduziert." Eders Ziel: "Wir versuchen, auf einem Basiskunststoff aufzubauen."

Die Abkehr von der Vielfalt bringe enorme Umweltvorteile durch Verbesserung der Recyclingfähigkeit. Eder: "Carbon Nano Tubes machen dabei überhaupt keine Probleme, weil sie aus reinem Kohlenstoff bestehen." Die Tubes haben zudem eine Eigenschaft, die für Kunststoffe völlig neu ist: Sie können Wärme leiten. Wurde Kunststoff bislang als isolierende Hülle für Strom leitende Drähte verwendet, kann er künftig selbst als Stromleiter verwendet werden - beispielsweise in der Chipproduktion.

Aber auch im Bereich der Alternativenergie: Forscher des Christian-Doppler-Labors der Universität Linz sind weltweit führend bei der Entwicklung von Plastiksolarzellen. Der Vorteil der organischen Solarzellen: Sie sind leicht und flexibel, man könnte sie beliebig verwenden. Etwa auf dem Handy, an der Kleidung, am Rucksack.

Noch sind die schlauen Nano-Röhrchen wahre Kostbarkeiten. Ein Kilogramm kostet etwa das 350-fache eines Standardkunststoffes. Grund sind die aufwändigen Herstellungskosten. Die besten Durchsetzungschancen räumen Branchen-Insider der neuen Technologie bei der Entwicklung brandsicherer Kunststoffe ein. Die schöne neue Plastikwelt könnte Herrn und Frau Konsument einige Vorteile bringen. Etwa beim Einkauf: So spielen schlaue Kunststoffe als Verpackungsmaterial nicht nur alle Design- stückerln, sondern könnten auch sinnvolle Informationen liefern. Beispielsweise, ob eine Ware tatsächlich noch frisch ist. Eine Verfärbung der Folie signalisiert: "Kühlkette wurde unterbrochen, Ware nicht mehr einwandfrei."

Formgedächtnis

Die Kunst der Forscher geht noch ein Stückchen weiter. So werden in den USA und Deutschland Kunststoffe mit Formgedächtnis entwickelt, die Formgedächtnis-Metallen überlegen sein sollen. Der Kunststoff bringt sich selbst, auch nach (un)beabsichtigter Veränderung, wieder in seine ursprüngliche Form zurück. Einsatzgebiet für diese thermostatischen Polymere wäre die Chirurgie - das Material wird als Faden eingeführt und so programmiert, dass es sich am gewünschten Ort durch Körperwärme in die gewünschte Form verwandelt. Nach Abschluss des Heilungsprozesses löst sich der Faden einfach auf.

In der Autoindustrie eingesetzt, würden die Kunststoffe mit Hirn zum Segen schusseliger Einparker. Denn eine verbeulte Stoßstange bringt sich selbst in den tadellosen Urzustand zurück. Auch wenn der Kunststoff "bis zur Unkenntlichkeit deformiert wurde", verspricht der deutsche Forscher Andreas Lendlein. (Jutta Berger/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12. 7. 2004)

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    Für die Olympischen Spiele werden sogar Plastik-Eulen nach Athen getragen

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