"Der Pate des Kreml": Aufdeckungsjournalist in Moskau erschossen

13. Juli 2004, 12:42
3 Postings

Über die dubiosen Geschäfte der Wirtschaftsoligarchen berichtet - Auftraggeber werden in diesen Kreisen vermutet

Moskau - Der Chefredakteur der russischen Ausgabe des Wirtschaftsmagazins Forbes, Pawel Chlebnikow, hatte in der Nacht zum Samstag gerade sein Büro im Nordosten Moskaus verlassen, als aus einem Wagen mehrere Schüsse abgegeben wurden. Der Journalist wurde von vier Kugeln getroffen, die vermutlich aus zwei Waffen abgefeuert worden sind. Er erlag noch im Krankenwagen seinen schweren Verletzungen. Forbes-Herausgeber Alexander Gordejew war noch beim Sterbenden und berichtete, Chlebnikow habe ihm gesagt, er habe keine Ahnung, warum auf ihn geschossen worden sei.

Der Pate des Kreml

Chlebnikow hatte als Buchautor international Aufsehen erregt mit einem Werk über die dubiosen Geschäfte der so genannten Wirtschaftsoligarchen. Das Buch erschien in Deutschland unter dem Titel "Der Pate des Kreml".

Viele Feinde

Der Mord wird vor allem mit der beruflichen Tätigkeit des 41-jährigen Journalisten in Zusammenhang gebracht. Leonid Berschidsky, Verleger von Forbes und Newsweek in Russland: "Paul war 17 Jahre lang Aufdeckungsjournalist und hatte vermutlich viele Feinde." Vor einigen Monaten hatte Chlebnikow im Forbes-Magazin mit der Veröffentlichung einer detaillierten Auflistung der 100 reichsten Russen für Furore gesorgt. Chlebnikow ist auch Autor eines Buchs über den nach England geflohenen Unternehmer Boris Beresowski.

Auftragsmorde

Die Ermordung Chlebnikows ist die bisher letzte in einer Reihe von Auftragsmorden der vergangenen Jahre. Unter den Opfern waren etwa die Reformpolitikerin Galina Starovoitowa (1998), Walentin Zwetkow, Gouverneur der Magadan-Region (2002) und der liberale Duma-Abgeordnete Sergej Juschenkow im vergangenen Jahr.

Von 14 Morden, die in den letzten vier Jahren an Journalisten in Russland verübt wurden, blieben laut Ann Cooper vom Komitee zum Schutz für Journalisten alle mangelhaft untersucht: "Das zeigt wie sehr dem Kreml die Pressefreiheit egal ist. Russland ist zweifellos einer der weltweit gefährlichsten Orte für Journalisten." (sed, DER STANDARD Printausgabe 12.7.2004)

Share if you care.