"Dort wohnen nur Juden": Schockierende Attacke in Pariser Zug

13. Juli 2004, 19:37
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Sechs bewaffnete Jugendliche belästigten junge Mutter brutal, weil sie aus einem schicken Bezirk stammt - niemand half

Paris - Sechs bewaffnete Jugendliche begannen am Freitag im Vorortezug Paris-Versailles eine 23-jährige Mutter zu belästigen. Sie entwanden ihr die Handtasche, stellten bei einem Blick in ihren Personalausweis fest, dass die junge Frau aus dem eher schicken 16. Bezirk stammt. "Dort wohnen nur Juden", soll einer der offenbar nordafrikanischen Angreifer gesagt haben.

Niemand half

Die Burschen schnitten der Frau darauf die Haare mit Messern ab, zerrissen ihr T-Shirt und zeichneten mit Filzstiften drei Hakenkreuze auf ihren Bauch. Dann stürzten sie den Kinderwagen mit dem Baby um und flohen unerkannt. Die unverletzte Frau, die gar nicht der jüdischen Gemeinschaft angehört, erstattete Anzeige. Der Zugwagon war gut besetzt; aber während der Attacke half ihr niemand. Nicht nur deswegen waren am Sonntag rundum schockierte Äußerungen zu hören. In Frankreich, wo Symbolen große Bedeutung beikommt, beschwört diese Art von Haarschneiden unweigerlich Erinnerungen an den Weltkrieg herauf, sei das im Zusammenhang mit den Vernichtungslagern oder der Säuberung von Kollaborateuren nach 1945.

Empörung

Politiker der Linken wie Rechten rangen um Ausdrücke der Entrüstung und Empörung. Staatspräsident Jacques Chirac verlangte die rasche Auffindung der Schuldigen. Chirac hatte erst am Vortag salbungsvoll jede Art von Rassismus, Antisemitismus und Intoleranz gebrandmarkt.

Antisemitismus steigt in Frankreich

Laut neusten Zahlen haben antisemitische Handlungen und Drohungen im ersten Halbjahr auf 510 zugenommen - gegenüber durchschnittlich 300 in den drei letzten Vergleichsperioden. Im Vergleich mit den zehn letzten Jahren ist die Zunahme seit der "Zweiten Intifada" im Nahen Osten noch stärker.

Dieser brisante Umstand wird in Frankreich gerne verschwiegen. Ebenso verlegen drücken sich die Medien um die Feststellung, dass es sich bei den Angreifern offenbar um Maghrebiner handelte. Die tieferen Ursachen des "arabischen Antisemitismus", der für die Mehrheit der offenen Attacken auf Juden verantwortlich ist, werden kaum artikuliert: Die soziale Misere der Einwandererjugend und der offenkundige Bezug zur Nahostfrage. Wobei dazwischen ein enger Zusammenhang besteht: Die israelische Politik gegenüber den Palästinensern dient den französischen "Beurs" (jungen Arabern) meist nur als Projektionsfläche für die eigenen Ausgrenzungsgefühle. (Stefan Brändle aus Paris, DER STANDARD Printausgabe 12.7.2004)

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