Erster tödlicher Anschlag in Israel seit vier Monaten

12. Juli 2004, 21:51
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Bei Anschlag auf einen Bus in Tel Aviv wurde eine junge Frau getötet - Zum Bomben­attentat bekannten sich die "Al-Aksa- Märtyrer­brigaden"

Vier Monate lang waren die israelischen Städte von Terroranschlägen verschont geblieben, zwei Tage nach dem eindeutigen Spruch des Haager Internationalen Gerichtshofs gegen Israels Sperranlage tötete eine Explosion Sonntagfrüh in Tel Aviv eine Frau und verletzte mehr als 20 Passanten.

Für Premier Ariel Sharon war das der Anlass, das Erkenntnis des Gerichtshofes noch einmal mit besonders scharfen Worten zurückzuweisen: "Der Mord ist der erste, der unter der Schirmherrschaft des Gerichtsgutachtens verübt worden ist", sagte Sharon, die Entscheidung sei "einseitig", "unmoralisch" und "gefährlich" und "ignoriert völlig den Grund für den Bau des Sicherheitszauns". Die palästinensische Führung hatte das Gutachten als "historisch" und als "Sieg" für ihre Sache bezeichnet. Am Sonntag nahm sie Beratungen über mögliche Initiativen mit dem Ziel auf, Israel mittels UN-Resolutionen "zu isolieren und bestrafen".

Der Anschlag hatte am Beginn der israelischen Arbeitswoche ein Viertel im Süden von Tel Aviv getroffen, in dem viele Einwanderer und Gastarbeiter wohnen. Die Bombe war im Gebüsch neben einer Haltestelle versteckt und explodierte, als ein vollbesetzter Autobus der Linie 26 losfuhr. Das legte die Vermutung nahe, dass sie nicht durch einen Zeitzünder, sondern unter Sichtkontakt durch Fernsteuerung ausgelöst wurde.

Eine im nördlichen Westjordanland operierende Zelle der "Al-Aksa-Märtyrerbrigaden", die zu Yassir Arafats Fatah-Bewegung gehören, bekannte sich zu dem Anschlag. Er sei die Vergeltung für israelische Militäroperationen in Nablus und im Gazastreifen und der Beweis dafür, dass die Attentäter "jeden Ort erreichen können, auch wenn es einen Zaun gibt". Israelische Experten meinten umgekehrt, es sei der Sperranlage zu verdanken, dass die Attentäter sich mit einer deponierten Bombe begnügen mussten und die Opferzahl daher relativ gering geblieben wäre.

Wegen der Nachbeben der Haager Erkenntnis wurde ein Treffen verschoben, in dem Sharon und Oppositionschef Shimon Peres erstmals offiziell die Bildung einer großen Koalition besprechen wollten. Gerüchten zufolge ist das Bündnis längst ausgemacht. (DER STANDARD, Printausgabe, 12.7.2004)

Von
Ben Segenreich aus Tel Aviv
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