Krenn und die Folgen

2. September 2004, 18:49
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Gebrochene theologische Verbote, wo der Anschein unbeugsamer Bibeltreue am stärksten aufrechterhalten wurde

Der neueste um sich greifende Sexskandal in der katholischen Kirche bestätigt zum wiederholten Mal Sigmund Freuds These von der Wiederkehr des Verdrängten. Die vermuteten kriminellen Machenschaften - die Benutzung von Kinderpornografie aus dem Internet - und die Fotos inniglicher schwuler Küsse ließen die Dämme theologischer Verbote nicht zufällig dort brechen, wo der Anschein unbeugsamer Bibeltreue am stärksten aufrechterhalten wurde: Im Reich des spitzfindig-reaktionären, um politische "Sager" nie verlegenen St. Pöltner Bischofs Kurt Krenn.

Exekutive ermittelt

Nun ermittelt die Exekutive, um festzustellen, ob und in welchem Ausmaß im Priesterseminar strafrechtlich Relevantes geschehen ist. Die parallel dazu beginnende Aufarbeitung in der Gesellschaft hingegen wird weisen, ob und inwieweit es im Österreich des Jahres 2004 möglich ist, die Diskussionen unter Wahrung nötiger Differenzierungen zu führen. Diesmal im Unterschied zu früheren Anlassfällen - man erinnere sich nur an den Fall Groer.

Damals war es Theologen, Kommentatoren und Politikern vielfach nicht gelungen, die Pädophilie des Verdächtigen - die Neigung zu Kindern als Sexualobjekt - vom Thema Homosexualität - der Neigung zu Sexualpartnern gleichen Geschlechts - zu unterscheiden. Der Pauschalverdacht galt einer homosexuellen Neigung, die - so wurde unterstellt - mit Kindesmissbrauch und Kinderporno-Benutzung automatisch einhergehe.

Solches mag es in Einzelfällen geben, doch es ist Stand der Wissenschaft, Lesben und Schwule als Vertreter einer Neigung zu betrachten, die der Heterosexualität gleichwertig ist. Wenn homosexuelle Praktiken gegen die Lehre der katholische Kirche verstoßen, dann ist das ihr internes Problem. (Irene Brickner, DER STANDARD Printausgabe 12.7.2004)

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