Zeremonielle Größe

25. Juli 2004, 19:45
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Österreich inszenierte seine Stärken: Bald hat uns die Wirklichkeit wieder - Von Gerfried Sperl

Große Zeremonien haben einen tieferen Sinn. Zum Beispiel Begräbnisse. Die inszeniert das Theaterland Österreich immer noch am besten und am schönsten. Das Requiem für Thomas Klestil im Stephansdom wird zu den weltweit ergreifendsten kulturellen und religiösen Events von 2004 zählen. Die Welt kam. Und die Welt sah zu.

Die Begräbnisfeierlichkeiten waren nicht nur wegen ihrer Riten stimmig. Sie entbehrten der Heuchelei, sie zwangen Parteipolitiker wie Andreas Khol in den Hintergrund. Und sie ermöglichten der katholischen Kirche eine seltene Demonstration. Erzbischof Christoph Schönborn hat schon im Parlament wohl gesetzte Worte gesprochen. Allein, dort gehört die Kirche in einer Republik nicht hin. Genauso wie der Bundeskanzler nicht auf eine Kanzel gehört. Der Platz des Kardinals ist der Dom. Dort fand er wiederum jenen rhetorischen Ausdruck, der den verstorbenen Bundespräsidenten schnörkellos würdigte und der gleichzeitig die privaten Krisen des Staatsoberhauptes nicht aussparte.

Schönborns Verhalten in der Frage der Geschiedenen und Wiederverheirateten wird freilich in allernächster Zukunft bereits an seiner Barmherzigkeit gegenüber dem "Freund Thomas Klestil" gemessen werden. Toleranz gegenüber Patriziern, Härte gegenüber der Plebs, das geht nicht zusammen.

Das zweite, nicht mindere Großereignis dieses Tages war die spontane Versammlung der mitteleuropäischen Staatspräsidenten an der Bahre Klestils, dem offenbar nicht nur für die Initiative der zentraleuropäischen Präsidententreffen gedankt wurde, sondern auch für seine unprätentiöse Art, mit den Nachbarn umzugehen. Klestils Wirkung wäre ohne Vorleistungen anderer nicht so groß gewesen. Kardinal König, Erhard Busek, Karl Schwarzenberg, Krzysztof Michalski (Chef des Wiener Instituts für die Wissenschaft vom Menschen) sind einige jener Persönlichkeiten, die noch in der kommunistischen Zeit an eine Renaissance dieses Raumes glaubten.

Wenn es eine schlüssige Konsequenz dieses Wochenendes geben sollte, dann die einer Nominierung Erhard Buseks für die neue EU-Kommission in Brüssel. Er würde jenen politischen Geist verkörpern, den die Nachbarn am verstorbenen Bundespräsidenten geschätzt haben.

Weltpolitisch bedeutsam war die Teilnahme des russischen Präsidenten Wladimir Putin. Und die Abwesenheit des französischen Staatspräsidenten Jacques Chirac. Hier schwang die Geschichte mit. Mit Ausnahme der Zeit Alois Mocks als Außenminister waren die Beziehungen zwischen Paris und Wien nie besonders gut. Chirac mag sich auch daran erinnert haben, dass Thomas Klestil dessen Ansinnen, die Sanktionen von der Hofburg aus zu verkünden, abgelehnt hat.

Moskau hat ein spezielles Verhältnis zu Österreich. Der Kreml neigt dazu, Wien auf verschiedene Weise daran zu erinnern, dass es als Metropole stärker mit dem Osten als mit dem Westen verbunden ist. Unabhängig von der jeweiligen österreichischen Gesellschaftsordnung. Unabhängig von (politischen) Freundschaften wie im Fall Klestil-Putin.

Dass außergewöhnlich viele gekrönte und noch nicht gekrönte Häupter den Weg nach Wien fanden, mag ebenfalls nicht nur an der Tradition liegen. Es hätte sicher ins Bild gepasst, wäre der Trauerkondukt von vier oder sechs Kla-

drubern (wie vor Jahren beim Zita-Begräbnis) gezogen worden. Die Anklänge ans spanische Zeremoniell wären kein Bruch gewesen, Wien kann sich in Stunden wie diesen tatsächlich als Metropole fühlen.

Da passte es, dass Heinz Fischer seinen schwierigen Start mit Bravour absolviert hat. Von Klestil wurde ihm paradoxerweise im Tode eine höhere Latte gelegt, als es durch eine normale Amtsübergabe geschehen wäre. Fischer wird viel Kraft brauchen, um diesem Anspruch zu genügen und eigene Ideen draufzusetzen.

Denn die österreichische Wirklichkeit wird es ihm schwer machen. (DER STANDARD, Printausgabe, 12.7.2004)

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