Weithin offene Zweierbeziehung

11. Juli 2004, 21:46
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Eine große Petra Morzé als Epizentrum in der Inszenierung von Schnitzlers "Das weite Land" bei den Reichenauer Festspielen

Eine große Petra Morzé hält als Epizentrum Beverly Blankenships Inszenierung von Schnitzlers "Das weite Land" bei den Reichenauer Festspielen am Leben. Daneben spielt man im Südbahnhotel am Semmering ein wenig Komödie.


Semmering - Die Genia (Petra Morzé) in Arthur Schnitzlers Gesellschaftsdrama Das weite Land ist eine von ihrem Ehemann dauerbetrogene, berufslose und somit in die schweren Fauteuils des Großbürgertums zum Endlos-Chillen verbannte hohe Frau.

Sie ist dort mit den Jahren an ein schweres Hobby geraten: Sie denkt. An ihren geliebten Hofreiter (Herbert Föttinger), den vielbeschäftigten Fabrikantengatten, dem das Wort "Treue" beim Vorlesen von nicht an ihn gerichteten Liebesbriefen einfach nicht über die Lippen will: "Das kann ich absolut nicht lesen!"

Kopf über Wasser

Dabei fällt zu dieser Stunde, in einer Inszenierung Beverly Blankenships, am Schauplatz Semmering noch genügend Licht durch die himmelbreite Glasfront des Waldhofsaales im Südbahnhotel. Schnitzler hat hier einen Großteil der Tragikomödie geschrieben. Mit traumwandlerisch gesetzten Blicken hält diese Genia der Petra Morzé in ihren Kreisen den schönen Kopf über Wasser. Fast geht sie unter - ihre Augen sagen es - an den Kompromittierungen durch ihren mächtigen Gatten, an seinem ihr unwürdig scheinenden Glanz in der maroden Welt der Fadisierten und Reichen.
Diesem kraftvollen und dabei feinfühligen Geschöpf gegenüber steht als Hofmeister der grobe Semmering-Cowboy des Herbert Föttinger, welcher nach dem letzten Liebhaberinnenverlust (zugeknöpft: Anna Franziska Srna als Adele) gleich der erstbesten Tennis-Lolita (Agnes Riegl als Erna) verfällt.

Schon da reißen die Brücken ab zwischen den Spielern, da schon hört Regisseurin Beverly Blankenship nicht mehr auf ihre Schauspieler. Auf der bis auf zwei Lederfauteuils leeren Echtkulissenbühne (die ins Spiel integrierte Terrasse gestattet einen Weitblick ins Wiener Becken) wird der Text nur noch gebrauchsfertig gemacht. Ausnahme ist - neben Morzé - André Pohl, der als Dr. Mauer einen verzweifelten Moralsoldaten gibt, einen Mann, der alles eine Spur zu ernst nimmt, der die Arme adrett am Leib hält, auch wenn sie ihm der Liebesschmerz (wegen Erna) verbiegen möchte.

Über den dritten Akt, die Hotelszene, die nach der ersten Pause in den ehemaligen Speisesaal des Südbahnhotels verlagert wird, sollte man kein Wort verlieren. Da poltern nämlich nur mehr Hotelgespenster. Selbst Wolfgang Hübsch als Hoteldirektor Aigner, der ebenso wie Marianne Nentwich (hier: Anna Meinhold-Meier) partout im selben Stück, am selben Ort und auch in Blankenships Regie vor zwölf Jahren die Hauptrolle spielte, findet nicht zum richtigen Ton: "Die Seele ist ein weites Land." Okay, weiter im Text und wieder hinauf in den Waldhofsaal, zu den letzten beiden Akten, zu Morzé!

Sie reißt hier in berührenden Momenten mit Alexander Pschill (als Otto) und im großen Finale mit Föttinger das Drama noch einmal hoch! (DER STANDARD, Printausgabe vom 12.7.2004)

Von
Margarete Affenzeller
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    Generationenwechsel: Marianne Nentwich (li., als Anna Meinhold-Aigner) spielte vor zwölf Jahren die Hofmeistergattin Genia. Heuer tut dies erstmals Petra Morzé.

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