Auf der Suche nach dem Funk

16. Juli 2004, 12:28
5 Postings

Die US-amerikanische R'n'B-Sängerin Angie Stone gastierte beim Jazzfest Wien

Wien - Bereits der Beginn ließ Schlimmes befürchten: Immerhin hat man in dem Soundeintopf, den man auch beim Auftritt von Angie Stone aufsetzte, in der Vergangenheit Größen wie Al Green oder Dr. John versenkt. Dieser traurigen Tradition entsprechend war Stones Stimme kaum zuerst vernehmbar. Dafür quietschte die Gitarre, während der Bass in irgendeinem Sekretariatsvorzimmer des Wiener Rathauses wummerte, in dessen Arkadenhof das Jazzfest Wien die R'n'B-Sängerin aus dem US-Bundesstaat South Carolina präsentierte.

Es sollte eine gute halbe Stunde dauern, bis der Sound, den die Snaredrum des Schlagzeugs kalt dominierte, auf Zeltfestniveau gebracht wurde. Doch das nun einigermaßen erträglich abgemischte Konzert offenbarte umso deutlicher die Defizite der Band, die - laut Stone - gerade erst zweimal geprobt hatte: Eine ideenlose Rhythmusabteilung, die sich im Wesentlichen mit einem Beat durch die meist im Midtempo beheimateten Songs von Stone arbeitete. Ein ebenso fantasieloser Gitarrist, der nur an der Akustischen auffiel oder dann, wenn er total mutig aufs Wah-Wah-Pedal stieg, um Stones Ankündigung "You got the funk" wenigstens ein bisschen nahe zu kommen.

Statt die mitgebrachte Hammondorgel, das Herzstück jeder guten Soulband Überzeugungsarbeit leisten zu lassen, vertraute Stone weit gehend auf den Output des weniger überzeugenden Synthesizers, der dünne Schlieren absonderte und eher klebrig als beseelt wirkte.

Angie Stone selbst, die mit ihrem Debüt Black Diamond (1999) und dem Folgewerk Mahogany Soul (2001) zwei höchst ansprechende Alben im ansonsten oft gefährlich seichten zeitgenössischen R'n'B veröffentlichte - das aktuelle Stone Love fällt etwas ab -, brauchte ebenfalls lange, um ihrer Stimme jene Ausdrucksstärke zu verleihen, mit der sie auf ihren Alben glänzt.

Erst unter dem Zuspruch des ergebenen Publikums erwärmte sich ihr Vortrag und das tat dem Konzert zumindest vordergründig gut. Unverständlich blieb, dass Stone wirkliche Bringer wie Wish I Didn't Miss You oder What U Dyin' For entweder gar nicht vortrug - oder von der Band verunglimpfen ließ.

Dafür gab sie eine wenig inspirierte, eher der Stimmakrobatik als wahrer Emotion den Vorrang gebende Version von Curtis Mayfields The Makings of You oder ein Duett mit Rapper D.H., dessen mitgebrachter Sohnemann sich auf der Bühne als Tanzbär entpuppte, und mit seiner kindlichen Begeisterung einen charmanten Höhepunkt markierte. Trotz herrschendem Gleichklang jubilierte das Publikum dem Auftritt euphorisch zu, der mit einer relativ souveränen Coverversion von oben erwähntem Al Green, mit Love and Happiness, endete. (DER STANDARD, Printausgabe vom 12.7.2004)

Von
Karl Fluch
  • Angie StoneStone LoveJ Records (BMG)
    foto: bmg

    Angie Stone
    Stone Love
    J Records (BMG)

Share if you care.