20.000 gedenken des Massakers von Srebrenica

12. Juli 2004, 11:23
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Debatte um Vergangen­heits­bew­ältigung am neunten Jahrestag - Tihic fordert Auslieferung der Kriegsverbrecher

Sarajewo - Über 20.000 bosnische Moslems haben am Sonntag nahe der Stadt Srebrenica des Massakers gedacht, das serbische Soldaten vor neun Jahren an ihren Landsleuten verübten. Anlässlich des neunten Jahrestages wurden in der Gedenkstätte Potocari 338 der bis zu 8.000 Opfer beerdigt. Obwohl dieses schwerste Kriegsverbrechen seit dem Zweiten Weltkrieg in Europa nicht vergessen werden dürfe, müssten die Moslems, Serben und Kroaten doch die Vergangenheit hinter sich lassen und eine gemeinsame Zukunft aufbauen, erklärte Präsident Sulejman Tihic, Vorsitzender des bosnischen Statspräsidiums.

Abwesenheit Cavic' wurde von vielen Moslems als Beleidigung empfunden

Tihic sprach als moslemisches Mitglied der dreigeteilten bosnischen Präsidentschaft auf der Gedenkfeier. Der Präsident der bosnisch-serbischen Teilrepublik Republika Srpska, Dragan Cavic, nahm dagegen an der Vereidigung des serbischen Präsidenten Boris Tadic in Belgrad teil. Viele Moslems in Bosnien werteten seine Abwesenheit in Potocari als Beleidigung, obwohl Cavic als erster serbischer Führer die Veranwortung seines Volkes anerkannt und das Ereignis im vergangenen Monat als "dunkles Kapitel" in der Geschichte der Serben bezeichnet hatte.

Auslieferung der Kriegsverbrecher: Mladic und Karadzic

Tihic forderte in seiner Rede die sofortige Auslieferung der für das Massaker von Srebrenica im Juli 1995 verantwortlichen Kriegsverbrecher. Zugleich begrüßte er den im vergangenen Monat veröffentlichten Bericht einer Regierungskommission der Republika Srpska (RS), in der erstmals die Verantwortung für das Massaker von Srebrenica übernommen wurde, als "positiven Schritt". Lobend erwähnte er auch RS-Präsident Cavic, der Ende Juni die von bosnisch-serbischen Einheiten verübten Hinrichtungen "klar verurteilt" habe. "Das ist wichtig, aber nicht genug", so Tihic.

"Wir müssen die Verantwortung für das Kriegsverbrechen individualisieren, um die Serben von einer Kollektivschuld zu befreien", sagte Tihic weiter. Die beiden mutmaßlichen Hauptverantwortlichen für das Srebrenica-Massaker, der frühere bosnische Serben-Führer Radovan Karadzic und sein Militärchef Ratko Mladic, sind seit dem Ende des Bürgerkrieges (1992-1995) untergetaucht.

Beisetzung von 338 identifizierten Leichen am Nachmittag

Die Gedenkveranstaltung wurde von starken Verbänden der internationalen Schutztruppe SFOR geschützt. Mit 170 Bussen und Privatautos waren die Teilnehmer am Morgen vor allem aus den moslemisch bewohnten Landesteilen von Bosnien-Herzegowina zur zentralen Gedenkfeier auf dem Friedhof in Potocari bei Srebrenica angereist. Am Nachmittag sollten 338 identifizierte Leichen beigesetzt werden. Seit vergangenem Jahr liegen dort bereits die Leichen von 989 identifizierten Opfern des Massakers begraben. Darüber hinaus gibt es noch rund 5.000 Säcke mit Gebeinen von Opfern, deren Identität noch mit Hilfe von DNA-Tests festgestellt werden muss.

Serbische Verbände hatten die als UN-Schutzzone ausgewiesene Enklave Srebrenica am 11. Juli 1995 eingenommen, bis zu 8.000 moslemische Männer und Jugendliche ermordet und 30.000 Frauen und Kinder vertrieben. Die Moslems wurden unter den Augen von niederländischen UN-Blauhelmsoldaten von serbischen Einheiten getötet und in Massengräbern verscharrt. Es war der schwerste Völkermord in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg.

Srebrenica liegt in der bosnisch-serbischen Teilrepublik, die zusammen mit der moslemisch-kroatischen Föderation die Republik Bosnien-Herzegowina bildet. Die Gründung des Vielvölkerstaats geht auf den Friedensvertrag von Dayton aus dem Jahr 1995 zurück. Nur wenige Überlebende der 27.000 Moslems, die vor dem Krieg in Srebrenica gelebt hatten, kehrten nach dem Krieg zurück.

Bosnischer-serbischer Präsident: "Schwarze Seite der serbischen Geschichte"

Neun Jahre nach dem Mord an mindestens 7000 muslimischen Männern und Jugendlichen in der damaligen UNO-Schutzzone Srebrenica im Juli 1995 hat im politischen Establishment der für das Massaker verantwortlichen bosnisch-serbischen Republika Srpska (RS) ein historischer Prozess begonnen: "Die Tragödie von Srebrenica ist die schwarze Seite der Geschichte des serbischen Volkes", erklärte RS-Präsident Dragan Cavic in einer TV-Ansprache Ende Juni und fügte hinzu: "Derjenige, der dieses Verbrechen begangen hat und sich dabei womöglich auf das Volk, welchem er angehört, berufen hat, hat ein Verbrechen gegen das eigene Volk begangen."

Schuldbekenntnis

Ein derartiges Schuldbekenntnis wäre noch vor einem halben Jahr undenkbar gewesen. So fehlten im Oktober 2003 bosnisch-serbische Repräsentanten, als der frühere US-Präsident Bill Clinton auf dem Gelände gegenüber dem ehemaligen Hauptquartier der UNO-Blauhelme in Potocari die Gedenkstätte für die Opfer des ersten Massenmords in Europa seit Ende des Zweiten Weltkriegs einweihte. Nach Klagen von Opfervertretern hatte der bosnische Menschenrechtsgerichtshof die RS-Regierung zuvor zur Zahlung von umgerechnet rund zwei Mio. Euro verurteilt, die zum Bau der Erinnerungsstätte und des Friedhofs verwendet werden mussten.

Kritik von Opferverbänden

Auch wenn bosnische Menschenrechtler und Angehörige von Opferverbänden Cavics Aussage als rein taktisch motiviertes Zugeständnis kritisieren, könnte das Statement des Führungskaders der Serbisch-Demokratischen Partei (SDS) zur Abwendung weiterer SDS-Mitglieder von ihrem Parteigründer Radovan Karadzic führen, der wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor dem UNO-Kriegsverbrechetribunal in Den Haag angeklagt ist. Inzwischen hält ohnehin nur noch die faschistische Serbische Radikale Partei der Republika Srpska (SRS RS) an der Leugnung des Massakers von Srebrenica fest.

Kommissionsbericht

Bereits vor einem Monat hatte eine von der bosnisch-serbischen Regierung eingesetzte Kommission einen Bericht veröffentlicht, der die rechtsextremen Kräfte in Banja Luka, die an einer Vergangenheitsbewältigung bis heute kein Interesse haben, auf Dauer erheblich schwächen könnte. In dem Report wird erstmals die Beteiligung von Einheiten der RS-Armee und -Polizei bei der Hinrichtung "mehrerer Tausend Männer und Jugendlicher" im Zeitraum zwischen 11. und 20. Juli 1995 zugegeben.

Außerdem werden 32 Orte genannt, an denen sich Massengräber befinden. 12 davon waren bisher nicht bekannt. Die endgültige Version der Untersuchungen der bosnisch-serbischen Srebrenica-Kommission soll Mitte Juli der RS-Regierung in Banja Luka und dem Hohen Repräsentanten der internationalen Gemeinschaft in Bosnien, Paddy Ashdown, übergeben und dann veröffentlicht werden. Bisher sind in der Umgebung von Srebrenica 5.000 Leichen gefunden worden, von denen 1.200 identifiziert werden konnten. APA/dpa)

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    Ein Bosnier betet vor den sterblichen Überresten der 338 identifizierten Opfer des Srebrenica-Massakers vor neun Jahren.

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    338 identifizierte Opfer des Massakers werden am Sonntag beigesetzt.

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