Nichtrauchen

11. Juli 2004, 23:14
2 Postings

Bekenntnisse eines Fanatikers von Thomas Glavinic - Wie die meisten Raucher war ich fixiert - meine ganze Tagesplanung musste sich unterordnen ...

Im März 1988 habe ich zu rauchen begonnen. Ich war knapp 16. Auf dem Weg zur Schule rauchte ich A3 oder Treff - egal was, nur Filter durfte die Zigarette keinen haben. Den Geschmack fand ich nicht gerade angenehm. Aber zu ertragen. Er stellte kein Hindernis dar für meine Karriere als Raucher. Die Benommenheit, die ich während des Rauchens oder danach empfand, der so genannte Nikotin-Flash, war hingegen ein willkommener Effekt, der sich leider nach kurzer Zeit nicht mehr einstellte. Was blieb, war das Verlangen zu rauchen.

Mag sein, dass ich für Gehirnwäschen empfänglich bin ...

Aufgehört habe ich im März 2003, kurz vor meinem 31. Geburtstag, mithilfe Allen Carr's "Endlich Nichtraucher". Mag sein, dass ich für Gehirnwäschen empfänglich bin, mag sein, dass ich Anweisungen kritiklos befolge, alles egal, ich habe ihm jedes Wort geglaubt und bin heute glücklicher Nichtraucher. Übrigens war es ganz leicht aufzuhören. Vier oder fünf Nächte mit intensiveren Träumen, zwei Tage, in denen ich nicht recht wusste, wohin mit den Händen.

Was redet der Kerl da?

Wenn Sie Raucher sind, werden Sie sich nun vermutlich denken: "Was redet der Kerl da? Der kann nicht richtig geraucht haben." Das ist ein Irrtum. Ich war ein sehr korrekter Raucher, ich habe sehr richtig geraucht. Bis zu achtzig Smart Export am Tag.

Meine ganze Tagesplanung musste sich unterordnen

Wie die meisten Raucher war ich fixiert. Meine ganze Tagesplanung musste sich unterordnen. Morgens hatte alles schnell zu gehen. Ich rauchte zwar nicht auf nüchternen Magen, aber Sie hätten mich sehen sollen, wenn kein Kaffee im Haus war und ich vor der ersten Zigarette zum Supermarkt musste. Erst nach der Morgenzigarette war ich freundlich.

Zigarettenrauch im trockenen Mund, das schmeckte scheußlich

Ich bin nicht ganz sicher, ob es anderen Rauchern auch so geht oder ob es sich hierbei um eine neurotische Eigenheit handelte, jedenfalls litt ich an einer Unfähigkeit zu rauchen, wenn ich nichts zu trinken hatte. Zigarettenrauch im trockenen Mund, das schmeckte scheußlich. Es galt, den Rauchgeschmack zu neutralisieren, mit Kaffee oder Limonade oder Bier oder Wein, alles half, Wasser ausgenommen. Dies bedeutete, dass ich zu längeren Spaziergängen kaum zu bewegen war, und wenn, dann musste die Strecke alle paar Minuten an einem Kaffeehaus vorbeiführen. Heute frage ich mich, wie viel Geld ich nur deshalb für Kaffee ausgegeben habe. Oder wie oft ich deshalb irgendwo ein Glas Wein bestellt habe. Ein Glas? Wenn der Wein schmeckt, muss der Kellner viel laufen. Und so trinkt man sich den schönsten Rausch an, weil man rauchen will. Man kann sagen, dass hier ein Laster zwingende Folge des anderen war. Wer weiß, vielleicht geht es doch vielen Leuten wie mir, vielleicht können viele nicht rauchen, ohne zu trinken, und die alarmierenden statistischen Zahlen über Alkoholkranke und -tote sollten zur Kategorie der Nikotinopfer verschoben werden.

Nichtraucherwohnung

Einladungen zu einem privaten Abendessen nahm ich selbstverständlich nur von Rauchern an, für alle anderen hatte ich Ausreden parat. Der gedeckte Tisch in einer Nichtraucherwohnung ist für einen Raucher so etwas wie ein katholischer Altar für einen Angehörigen der Mun-Sekte. Denn wenn man nicht rauchen darf, dann will man es erst recht und kann keinem Gespräch folgen.

Intolerante Nichtraucher

Aber was ich früher am allerallerschlimmsten fand, waren die intoleranten Nichtraucher. Diese verklemmten Faschisten drangen in meine Intimsphäre, versuchten mir das Rauchen in ihrer Gegenwart zu untersagen, nervten mich mit Gesundheitsvorträgen, erwähnten heimtückischerweise das böse Wort mit L (Lungenröntgen), seufzten und stöhnten am Nebentisch wie ein altes Weib mit Zahnweh, hatten verschiedenste blöde Argumente gegen das Rauchen parat. Solche Leute hielt ich schlichtweg für schlechtere Menschen. Am ärgsten empfand ich das Treiben der ehemaligen Raucher - schlimmeren Fanatikern konnte man gar nicht begegnen.

Ich bemerke, ich kann das heute nicht mehr ganz so sehen.

Schlechtes Gewissen

So wohl ich mich als Nichtraucher fühle - manchmal habe ich ein schlechtes Gewissen. Den Menschen gegenüber, die ich früher eingenebelt habe. Meinen Freunden gegenüber, denen ich jetzt mit leuchtenden Augen Vorträge halte und mit der Hand vor dem Gesicht herumwedle. Und jenen fremden Leuten gegenüber, denen ich mit meiner Körpersprache und mit wohlgesetzten Worten zu erklären versuche, dass Rauchen in meiner Gegenwart ein Angriff auf meine Gesundheit ist.

Ich nähere mich einer gewissen Militanz

Ich wage es kaum zuzugeben: Ich nähere mich einer gewissen Militanz. Mir geht der Qualm schrecklich auf die Nerven. Wenn ich ein Restaurant besuche und am Nebentisch jemand zu qualmen beginnt, verwünsche ich ihn. Dieser Mensch sorgt dafür, dass mir mein Essen nicht schmeckt, weil ich ständig seine Dames riechen muss. Ich weiß, dass meine Kleidung später nach Rauch stinken wird, ich weiß, dass meine Lunge mit Schadstoffen gefüllt wird, und vor allem merke ich, dass ich kaum mehr Luft kriege. Und ich fürchte, eines Tages werde ich deswegen sehr unhöflich werden.

Im Speisewagen erlebt man so einiges

Es gibt viele Orte, an denen man sich als Nichtraucher unwohl fühlt. Im Zug zum Beispiel. Wer wie ich häufig mit der Bahn reist, sitzt oft in Speisewägen. Dort erlebt man so einiges. Auch Lustiges. Setzen Sie sich einmal an den Tisch nächst der Automatiktür und warten Sie, was passiert. Die meisten Menschen, die vom Land vor allem, sind nämlich zu unerfahren, eine solche zu bedienen. Da kann noch so groß AUTOMATIK an der Tür stehen. Die einen reißen ohne jede Rücksicht auf den Mechanismus die Tür einfach auf, die anderen fuchteln mit den Händen herum, als wollten sie angreifende Insekten verscheuchen, und drücken in ihrer Panik die TÜRNOTTASTE, die Dritten stehen hilflos da und warten, dass ein Retter erscheint (der sind dann meistens Sie, aber lassen Sie sich Zeit), und nur eine kleine Gruppe vermag das Rätsel zu lösen.

Aber eigentlich wollte ich vom Rauch im Speisewagen sprechen. Der ist nicht auszuhalten. Es gibt zwei mal drei Nichtrauchertische und ebenso viele für die Raucher. Natürlich ist der ganze Wagon nach kürzester Zeit vernebelt. Die Raucher rauchen, und den anderen tränen die Augen. Weil das nicht ganz fair ist, greife ich in letzter Zeit zu Guerillamethoden: Ich setze mich in die Raucherzone. Ein Tisch mehr, an dem nicht geraucht wird. Wenn Sie Nichtraucher sind, lade ich Sie ein, meinem Beispiel zu folgen. Ein paar entschlossene Leute können etwas bewirken, heißt es. In der Tat: 18 Nichtraucher, die in einem Speisewagen auf Raucherplätzen sitzen, bewirken einen rauchfreien Wagon.

Eines Tages wacht man auf und stellt fest, dass man ein Fanatiker geworden ist. (DER STANDARD/Album, Printausgabe, 10./11.7.2004)

Thomas Glavinic ist Schriftsteller, er lebt in Wien.

Zuletzt erschien von ihm der Roman "Wie man leben soll". Er liest am 5. 8. im Rahmen der Veranstaltungsreihe O-Töne im MQ.

Share if you care.