Schönborn: "Patriot und Weltbürger"

11. Juli 2004, 19:07
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Kardinal spricht Klestil den "Dank Österreichs" aus - Bedauern, dass Annerkennung erst nach dem Tod deutlich wird

Wien - Erzbischof Christoph Schönborn hat am Samstag beim Requiem im Wiener Stephansdom den verstorbenen Bundespräsidenten Thomas Klestil als "leidenschaftlichen österreichischen Patrioten" bezeichnet. Gleichzeitig würdigte der Kardinal in seiner Predigt die Verdienste Klestils für die Europäische Integration und den EU-Beitritt Österreichs. Dass er "auf beispielhafte Weise wirklich ein Weltbürger" gewesen sei, würden die Gäste aus der ganzen Welt eindrucksvoll bezeugen. Wie schon bei der Trauerfeier im Parlament bedauerte Schönborn auch bei dem Requiem, dass Klestil nicht schon zu Lebzeiten die jetzt ausgesprochene Anerkennung zuteil geworden sei.

"Annerkennung erst nach dem Tod"

"Schmerzlich und beschämt stellen wir fest, dass auch für Dich das recht österreichische Geschick galt, erst nach dem Tod jene Anerkennung zu finden, die Dir anderswo schon längst zu Teil geworden ist. Umso mehr gelte Dir heute und weiterhin der Dank Österreichs, unser aller Dank", sagte der Kardinal.

Der Erzbischof verwies darauf, dass in den letzten Tagen viel über Klestils Verdienste als Diplomat und als Staatsoberhaupt gesprochen worden sei. "Spätestens heute, da so viele höchste Verantwortungsträger aus der ganzen Welt gekommen sind, um Dir das letzte Geleit zu geben, wird unserem Land bewusst, wie viel Du für es getan hast, wie hoch die Wertschätzung für Dich war und ist. Du warst auf beispielhafte Weise wirklich ein Weltbürger. Die Gäste aus der ganzen Welt bezeugen es uns eindrucksvoll. Du warst aus tiefster Überzeugung ein Europäer. Du hast wesentlich dazu beigetragen, Österreich in die Europäische Union hineinzubegleiten. Du warst rastlos tätig, den befreundeten Nachbarn Mittel- und Osteuropas auf dem Weg der Integration behilflich zu sein. Die Anwesenheit so vieler höchster Repräsentanten aus unseren Nachbarländern ist Ausdruck des Dankes dafür. Und schließlich warst Du ein leidenschaftlicher österreichischer Patriot und wolltest, wie Du selber sagtest, Dich in der Liebe zu Österreich von niemandem übertreffen lassen", sagte Schönborn.

"Sehnsucht nach einer glücklichen Familie"

Der Kardinal sprach auch die privaten Probleme des verstorbenen Staatsoberhauptes an. "Mit den meisten Menschen hast Du die Sehnsucht nach einer geglückten Ehe, nach einer harmonischen Familie geteilt. Wie so viele Menschen heute bist Du mit den Deinen durch die schmerzliche und schwierige Erfahrung des Zerbrechens und des Neubeginns von Beziehungen gegangen, alles aber noch erschwert durch das Vergrößerungsglas der Öffentlichkeit", so Schönborn. "Mit Betroffenheit sehen wir aber, wie groß heute die Sehnsucht nach dem Gelingen von Beziehungen, nach Geborgenheit in Ehe und Familie ist, und wie schwer das Gelingen geworden ist. Die Haltung der Kirche in dieser Frage hast Du respektiert, auch wenn es Dir nicht leicht fiel."

Gleichzeitig sprach der Erzbischof auch den Umgang der Kirche mit diesen Fragen an. "Es fällt ja auch der Kirche nicht leicht, den rechten Weg zwischen dem unbedingt notwendigen Schutz für Ehe und Familie einerseits und der ebenso notwendigen Barmherzigkeit mit dem menschlichen Scheitern anderseits zu finden. Vielleicht ist Dein Tod, lieber Freund, Anlass, uns alle gemeinsam mehr um beides zu bemühen, im Wissen, dass beides notwendig und beides nicht einfach ist."

"Tiefen Glauben der Mutter nie vergessen"

Schönborn verwies auch darauf, dass nie die "einfachen Verhältnisse", aus denen er gekommen sei, verleugnet habe. "Nie hast du den tiefen Glauben Deiner Mutter vergessen. Er hat Dich besonders in den schweren Stunden begleitet." Die Pfarre der Salesianer Don Boscos in Wien-Erdberg habe seine Jugend "stark geprägt". "Daran hast Du gerne und dankbar erinnert."

Der Erzbischof betonte, dass Klestil sein Leben "voll eingesetzt", sich "nicht geschont" habe, "bis zuletzt, für unser Land und seine Menschen. Das danken wir Dir heute von Herzen." (APA)

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