Bilder einer Aufbahrung

9. Juli 2004, 21:23
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Zur politischen Inszenierung des Abschieds von Thomas Klestil - Ein Kommentar der anderen von Marlene Streeruwitz

Auf dem Bild von der Aufbahrung Thomas Klestils in der Hofburg stehen im Zentrum die Politiker. Fischer. Schüssel. Gorbach. Steinerne Mienen. Dunkle Anzüge. Schwarze Krawatten. Die passende Ordensrosette am Revers. Die Garde am Sarg. Soldatische Haltung. Starre Mienen. Paradeuniform. Stahlhelm. In der Ecke. Am Rand. Da drängen sich die Fotografen und Kameramänner. Sie haben irgendetwas an. Kakiwesten. Jeansjacken. Weiße Hosen. Ihre Gesichter verschwinden hinter den Kameras. Sie stehen vorgebeugt. Konzentriert.

Schüssel als Therapeut

Die Rollen sind verteilt. Alle arbeiten. Alle hier sind im Dienst. Die Politiker machen Politik. Hier mit Gefühlen. Mit der Veröffentlichung von Gefühlen. Die Soldaten geben diesen Gefühlen militärische Ehren. Die Fotografen und Kameramänner halten diese Gefühle fest.

Privat sind in diesem Szenario nur die EmpfängerInnen der öffentlichen Gefühle. Die Witwe. Die Kinder aus erster Ehe. Kaum zu sehen sind sie. Wie ja auch der Sarg auf diesem Bild nur angeschnitten ist. Die Bühne gehört der Politik.

Die Politik erweitert die familientherapeutische Dauersitzung dieser Regierung um eine Trauerselbsthilfegruppe. Ein Ideal von öffentlicher Trauer wird inszeniert und verdeckt so die Realität von privater Trauer.

Trauerarbeit. Das ist ein schwieriger und existenzieller Prozess und schmerzhaft. Es ist ein mühseliges Unterfangen, bis alle verinnerlichten Partikel des Trauerobjekts herausoperiert wurden. Und Schmerzvermeidungsstrategien sind unverzichtbar, um nicht unter der Wucht des Verlustes zusammenzubrechen. Aber. Kollektiv lässt sich das nicht durchleben. Trauer. Tief empfundene Trauer ist ein demokratisches Gefühl und leiht sich immer nur persönlich.

Ein Bundespräsident ist gestorben. Das ist traurig. Wie die Nachricht von einem Tod immer traurig ist. Trauer. Tief empfundene Trauer. Die hat doch mit der Nähe zu einem oder einer Toten zu tun. Da tritt man doch zurück und überlässt die Trauernden ihrer Trauer. Und respektiert das.

In diesem Fall tritt niemand zurück und ermöglicht Würde. In diesem Fall sollen wir uns von einem überschießend inszenierten öffentlichen Gefühl wieder näher aneinander rücken lassen. Der Bundeskanzler stellt sich das so vor.

Stellt sich nur die Frage, warum erst jetzt. Diese Wertschätzung erst jetzt. Diese Behauptung von Wertschätzung, die im Augenblick ja möglicherweise so gemeint ist. Aber ist nicht gerade der Zeitpunkt dieser Wertschätzung. Danach. Zu spät? Ist nicht genau dieser Zeitpunkt Indiz für das eigentliche Fehlen der guten Meinung?

Diese sofort einsetzende Historisierung. Noch während dieser Mann am Leben war, wurde in den Fernsehshows schon in der Mitvergangenheit über ihn geredet. Noch bevor er begraben ist, ist der Gruftdeckel schon zugeworfen. Ein großer Mann. Ein zu ehrender Mann.

Fiktionaler Konsens

Dass die Bilanz Klestils der Regierung erspart blieb, hat ihr eine Quelle für Gefühliges erschlossen. Österreich als große Familie. Mit dem Kanzler als Therapeuten. Eine Gemeinschaftssituation wird vorgetäuscht. Tiefe Trauer. Und gemeinsam werden wir diese Trauer bewältigen. Dann sind wir gemeinsamiger. Eine Gemeinschaft. Und dann können wir alles bewältigen.

Um dem Nachdruck zu verleihen, wird ein Kardinal ins Parlament geholt. Vanitas. Und dann gleich ein bisserl positive Eigenbilanz. Dann wieder vanitas. Khol und Schüssel kennen sich aus in der Dramaturgie von öffentlichen Gefühlen. Das kann man in der katholischen Kirche lernen. Eine Verkirchlichung des Privaten findet so in aller Öffentlichkeit statt. Fehlende demokratische Rituale werden durch Kirchensprache ersetzt.

Öffentliche Gefühle des Typs der eben zelebrierten Staatstrauer sind gute Paravents, die Misswirtschaft mit den Biografien zu verstecken. Mit den Biografien der Österreicherinnen und Österreicher. In dieser öffentlichen Trauer wird eine Fiktion von Konsensdemokratie am Laufen gehalten, die wiederum die Weiterführung des totalen Umbaus der Republik verdeckt.

Falsche Gefühle

Während in Wien salbungsvoll und ohne jede Realkonsequenz Thomas Klestil geehrt wird, läuft die Politik der Angleichung an ein neoliberales Menschenbild mit dem Abbau von allem, was Mitbeteiligung und Solidarität bedeutet hat. Für die Bewältigung des Schicksals gibt es das gemeinsame Gebet. Entpolitisierung. Deutlicher war es noch nicht verschleiert worden. Es geht um diese politische Klasse und überhaupt nicht um die Leben. Das kommt in der Vernutzung dieses Todes zum Ausdruck.

Und während auf allen TV-Kanälen alle Seitenblicke-Promis als Trauertherapeuten auftreten, benutzt die politische Klasse diesen Trauerfall als Emotionsbeschaffung für den Konsens. Einen Konsens, in dem nur durch das Behaupten von Krisen noch Politik entsteht. Weil es nicht reicht, dass es einfach weitergeht in der Zeit. Weil sich eine Konstruktion von Politik immer in Überwindung behaupten muss und deshalb die Krisen als Hürden herbeiredet. Und manchmal und dann gierig benutzt, schaffen echte Krisen echte Bewegung. Überschwemmungen. Trauerfall. Dann fällt die Politik über die echten Krisen her und bezieht falsche Gefühle aus ihnen.

Es muss doch möglich sein, Trauer demokratisch auszudrücken. Es darf doch nicht über die Hintertür des Kirchlichen wieder eine Bedeutungshierarchie von Personen definiert werden. Ein demokratischer Staat muss doch eine ihm entsprechende Form finden können, die Würde der betrauerten Person und ihrer Umgebung zu respektieren. Durch Zurückhaltung einem solchen Ereignis ein Eigengewicht zu erlauben. Es muss doch selbstverständlich sein, dass der Tod der verstorbenen Person gehört und nicht sofort für Inszenierungen instrumentalisiert wird, die CNN und den Übertragungen von Fürstenhochzeiten abgeschaut sind.

Ginge es nicht darum, wie gestorben wird. Letzten Endes? Ginge es nicht um eine Gleichbehandlung des Werts der Lebenden und damit der Toten. In der Demokratie? Und sollte das nicht Ausdruck finden? (DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 10./11.7.2004)

Die Schriftstellerin und Dra- matikerin lebt in Wien; zuletzt erschienen von ihr die Essay- sammlung "Tagebuch der Gegenwart" und der Roman "Jessica, 30" (Fischer).
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    Thomas Klestil, aufgebahrt in der Kapelle der Hofburg
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