Vom Terror zum Putschversuch

9. Juli 2004, 20:01
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Der Terror der Nazis nach deren Verbot destabilisierte das Dollfuß-Regime nicht - so nahm der Plan zum Putsch Gestalt an

Im Jahr 1932 errang die bis dahin in keinem Landtag vertretene NSDAP in Wien, Niederösterreich und Salzburg überraschend großen Zuwachs, der über die Mandatszahl der von ihr aufgesaugten Großdeutschen Partei weit hinausging. Nach Hitlers Machtergreifung 1933 wuchs die Mitgliederzahl der Nazipartei in Österreich binnen fünf Monaten von 43.000 auf mehr als 68.000 an.

Wegen der aggressiven, von gewalttätigen Zusammenstößen begleiteten Agitation der Nazis wurde ein Uniformverbot erlassen. Nach Ausweisung des zu einer Propagandafahrt eingeladenen deutschen Ministers Hans Frank (im Krieg Generalgouverneur von Polen) durch die Regierung verhängte Hitler die "Tausendmarksperre" für Touristenreisen nach Österreich.

Im Juni 1933 setzte eine Terrorwelle ein, die in einem Handgranatenüberfall auf christliche Turner bei Krems gipfelte. Daraufhin wurden die NSDAP und der von der deutsch geführten Alpine-Montan-Gesellschaft hochgepäppelte Steirische Heimatschutz, der sich den Nazis angeschlossen hatte, verboten.

Viele Nazifunktionäre flüchteten nach Deutschland und führten dort ihre "Gauleitungen" weiter, andere wurden in den vom Regime errichteten Anhaltelagern interniert. In Bayern wurden geflüchtete SA-Leute in einer "Österreichischen Legion" für den allfälligen Einsatz in ihrer Heimat ausgebildet. Die illegalen Aktivitäten, von Hakenkreuzschmierereien bis zu Bombenanschlägen, gingen unvermindert weiter; lediglich während des Schutzbundaufstandes im Februar 1934 wurden sie schlagartig eingestellt.

Dass die Nazipartei von Deutschland aus mit Propagandamaterial, Waffen und Sprengstoff versorgt wurde, war offenkundig, als der deutsche "Generalinspekteur" Theo Habicht, der seit 1931 die österreichischen Nazis dirigierte, sogar einen "Waffenstillstand" anbot, falls die Regierung zu Verhandlungen bereit sei.

Schon zuvor hatte ein Zwist zwischen Dollfuß und Starhemberg, die jeder für sich zu solchen Kontakten bereit waren, solche nicht zustande kommen lassen.

SA und SS beteiligt

Weil sich die österreichische Regierung mit Rückendeckung Mussolinis durch den Terror nicht einschüchtern ließ, griff man auf die Realisierung bereits 1933, nach Auflösung des Parlaments und Ablehnung der oppositionellen Forderungen nach Neuwahlen, erwogener Putschpläne zurück. Dabei dürfte Habichts Bedürfnis, durch einen spektakulären Erfolg seinen Abschuss zu verhindern, mit im Spiel gewesen sein. Allerdings sah er sich auch durch Gegensätze zwischen der von Hermann Reschny geführten österreichischen SA und der SS, deren Führer Wächter und Glass Habicht den Putschplan vorlegten, irritiert.

Die Vorgänge um den so genannten Röhm-Putsch am 30. Juni 1934, bei dem die deutsche SA-Spitze auf Hitlers Befehl ausgelöscht wurde, trugen zweifellos zur Orientierungslosigkeit der SA auch in Österreich in den Wochen vor dem Juliputsch bei. Trotzdem hielten die Verschwörer an dem Plan, die Regierung zu stürzen, fest. (Manfred Scheuch/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10./11. 7. 2004)

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