Spielen diesseits von Afrika

14. Juli 2004, 10:14
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Muhsin Ertugral will den Mattersburg-Kickern etwas lehren, das in Europa sehr selten geworden ist: die Freude am Spiel

Mattersburg - Im Grunde geht es um die Freude. "Man muss sich doch nur einmal fragen", fragt Muhsin Ertugral, "warum Buben überhaupt Fußball spielen? Wo der Ball ist, dort sind immer alle. Alle wollen spielen". Die Pädagogik, mit der hierzulande aus Buben Kicker gemacht werden sollen, ziele jedoch zu allererst aufs Abgewöhnen dieser Spielfreude. "Wir Trainer stecken doch alle in ein taktisches Korsett."

Beim SV Mattersburg, wo Muhsin Ertugral, ein türkischstämmiger Deutscher mit jahrelanger Afrikaerfahrung nun den Trainer geben wird, soll das künftig ein wenig anders sein. Natürlich, "die Taktik ist wichtig", aber die Spieler sollen wissen, "dass sie auch Fehler machen dürfen, sie sollen spielen, die Freude am Spielen auch ausleben". Nicht alle, das natürlich nicht, aber doch jene, die Ertugral die "nicht Limitierten" nennt. Schlechte Kicker gebe es nicht, nur limitierte und, in Ergänzung dazu, eben die nicht limitierten. Die aber sollen spielen, tanzen womöglich.

Diese pädagogische Erkenntnis kam Muhsin Ertugral wahrscheinlich schon in Deutschland, wo er die Kölner Sporthochschule absolvierte. Anschaulich aber wurde sie ihm erst in Afrika, wo er 1996 das Team von Zaire ins Viertelfinale des Afrika-Cups brachte, von 1999 bis 2003 die Kapstädter Kaizer Chiefs coachte, um im Vorjahr dann den Club Africain in Tunis zu übernehmen. Mattersburg - in Wahrheit dessen Obmann Martin Pucher - kennt er seit seiner Zeit als Sportdirektor von Trabzonspor Istanbul 1997 und 1998.

Trommelrhythmus

Damals wollte er unbedingt Didi Kühbauer verpflichten. Der aber ging lieber nach Spanien. Jetzt sind die beiden doch noch zusammengekommen. Und rund um Kühbauer soll der SVM ein wenig afrikanisch werden. Jabu Pule, ein 23-jähriger Midfielder von den Kaizer Chiefs, sorgt schon für den schnellen Trommelrhythmus. Aufgewachsen in einer dieser unsäglichen Townships, hat er, sagt sein Trainer, den Fußball von Kind auf nicht nur gespielt, sondern zelebriert. Das sei etwas durchaus Feierliches. "Die Menschen sind es dort eben gewohnt, sich in der Bewegung auch darzustellen und auszudrücken."

Was Ertugral freilich nicht möchte, ist, die einschlägigen Klischees zu bedienen. Natürlich gebe es kulturelle Unterschiede, und auch solche im allgemeinen Körperbau. "Die Südafrikaner sind ja im Schnitt eher klein, in Westafrika sind die Menschen weit kräftiger, im Osten groß und schlaksig, davon leitet sich natürlich eine unterschiedliche Bewegungspräferenz ab." Die Bedeutung des Fußballs in Afrika erschließe sich allerdings erst mit der sozialen Dimension. "Fußball ist der breiteste Weg vom afrikanischen Kontinent nach Norden."

Einen ganz fundamentalen Unterschied zu Europa gebe es aber tatsächlich. "Die Kinder entwickeln sich in Afrika mit und in der Bewegung." In Europa trotz des Bewegungsdranges. Das führe naturgemäß auch dazu, dass das Trainingsziel - die Automatisierung von Bewegung - in Afrika weitaus leichter durchzuführen sei.

Die Freude des Trainers an den Tänzern hat den begnadetsten SVMler zurück auf die Rechnung gebracht. "In drei, vier Monaten wird Thomas Wagner jene Rolle spielen, die er in der Ersten Liga noch gespielt hat. Er wird spielen." (Wolfgang Weisgram - DER STANDARD PRINTAUSGABE 10./11.7. 2004)

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    Muhsin Ertugral (links), der neue, polyglotte Trainer des SV Mattersburg, mit dem Klubobmann, Bankchef, Liga-Vize und Arbeitgeber Martin Pucher.

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