Mit den Augen eines Kindes

16. Juli 2004, 13:53
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Der slowenische Dichter Lojze Kovacic über die Geschichte einer Entwurzelung

Am allernormalsten und dümmsten Tag hatte Gott beschlossen, mich auf diese Zugreise zu schicken, weit, weit weg in jenes Land, in dem Vati einst als Kind und später noch als etwas größerer Junge gelebt hatte." Gott ist ein Schweizer Beamter. Man hat die Familie ausgewiesen, weil man 1938 die Ausländer ausweist, die keine Schweizer Staatsbürgerschaft haben.

Der kleine Bub, der in Basel geboren wurde, ist binnen Stunden in einen Zug verfrachtet. Er hat eine deutsche Mutter und einen slowenischen Vater und somit keine Heimat.

Nach einer endlosen nächtlichen Bahnfahrt landet das Kind in einem fremden Land mit fremder Sprache. Man hat nicht auf die Ausgewiesenen gewartet. Niemand ist da, um die Familie abzuholen. Und als sie endlich nach einem Marsch durch einen stinkenden Sumpf, der alles kommende Unheil schon ankündigt, beim ärmlichen Bauernhaus des Onkels anlangt, ist sie nicht gerade willkommen. Dieses Landleben ist für das Kind Hölle und Paradies zugleich. Hin- und hergerissen zwischen der Gleichgültigkeit und der Brutalität der Bauern und der Schönheit der Natur versucht der Bub, einen Platz für sich zu finden. Der Onkel nützt die Mutter und die Kinder als billige Arbeitskräfte aus; die Grunderfahrung, nicht dazuzugehören, vertieft sich.

Man beschließt, nach Ljubljana zu ziehen, in der Hoffnung, in der Stadt leichter ein Auskommen zu finden. Aber der Vater wird krank. Die Kinder versuchen, die aus Basel geretteten Felle und Pelze zu verkaufen. Sie werden gedemütigt, behelfen sich mit Betteln und kleinen Diebstählen.

Der Knabe kommt in der Schule nicht gut mit, kein Wunder bei den mangelnden Sprachkenntnissen. Die Wirtschaftskrise der Vorkriegszeit trifft alle, besonders aber die "Zugereisten". Wer ständig hungert, kann sich mit dem Gedanken an einen starken Führer leicht anfreunden. Aber der Bub weigert sich instinktiv, sich der Hitlerjugend anzuschließen; die Schwester schließt Kompromisse der anderen Art, als es darum geht, noch eine Weile in der gekündigten Wohnung bleiben zu dürfen.

Das Fantastische ist, dass Kovacic lauter kleine Erinnerungssplitter zusammenfügt zu einem in sich schlüssigen, chronologisch linearen Ganzen, das keine Brüche aufweist. Diese Einzeleindrücke, scharf gestellt wie bei einer klirrend realistischen Fotografie, trennt er mit drei Punkten voneinander und erzeugt damit einen beklemmenden, monotonen Rhythmus. In den Augen eines Kindes spiegelt sich die Katastrophe des Jahrhunderts, ohne dass auf erwachsene politische Analysen oder historische Großereignisse zurückgegriffen würde.

Es reichen die paar Sätze, in denen das Kind schildert, wie es sich selbst als Individuum abhanden kommt. Es reicht, in wüsten Schnappschüssen die wilde Gier der Menschen zu sehen, die das Lebensmitteldepot einer Kaserne plündern um emotional zu verstehen, was passiert, wenn man ums nackte Überleben kämpfen muss. Wie man einen Retter herbeisehnt, ganz egal welchen. Man hängt weiße Fahnen aus dem Fenster, Hakenkreuzfahnen, italienische Fahnen, Bilder vom Duce und vom König Emanuele schmücken die Schaufenster. Nur das Brot taugt immer noch nichts im Jahre 1941 . . .

Die Zugereisten ist der erste Teil der autobiografischen Trilogie von Lojze Kovacic, der am 1. Mai im Alter von 75 Jahren in Ljubljana gestorben ist, anerkannt und gefeiert als großer slowenischer Dichter. Endlich gehörte er dazu. (ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 10./11.7.2004)

Von Ingeborg Sperl

Lojze Kovacic:
Die Zugereisten. Aus dem Slowenischen von Klaus Detlef Olof. € 23,-/319 Seiten.
Drava-Verlag, Klagenfurt 2004
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