Besseres Zuhause zum Glücklichsein

10. Juli 2004, 11:00
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Gary Shteyngart nimmt das Dasein russischer Emigranten unterhaltsam auf die Schaufel - inklusive des Wunsches, ein echter Amerikaner zu sein

Wir schreiben das Jahr 1993. In der miesesten Ecke Manhattans macht sich Vladimir Girshkin gerade über das erste Soppressata-Avocado-Sandwich eines ganz besonderen Tages her: seines 25. Geburtstags. Und obwohl der "Bilderbucheinwanderer" aus St. Petersburg, Girshkin, Protagonist von Gary Shteyngarts Handbuch für den russischen Debütanten, nun schon sein halbes Leben in New York verbringt, fühlt er sich noch immer nicht so, wie er sich gerne fühlen würde.

Dabei weiß Jelena Petrowna, Übermutter und übertüchtige Geschäftsfrau, genau, was ihm fehlt: ein standesgemäßes Jurastudium, eine Ehefrau, ihre Protektion . . . Girshkin jedoch, Asthmatiker mit Hang zum Selbstmitleid, schwindendem Haupthaar und mangelnder Körpergröße, fehlt es an jeglicher Ambition. Ein "untypischer Held unserer Tage" und typischer Held eines russischen Romans, der es vorzieht, als Hilfskraft beim Emma-Lazarus-Verein zur Integration ausländischer Einwanderer zu arbeiten und seine "Karriere" einstweilen über die Liebe voranzutreiben.

"A new Tsar is born", begrüßte die Washington Post vergangenes Jahr diesen Romanerstling, der rasch zum Bestseller avancierte. In der Tat beherrscht Shteyngart die Kunst der Beschreibung. Plastisch, witzig und manchmal ein wenig slapstickhaft, ein bisschen vorhersehbar, aber sehr unterhaltsam schildert Shteyngart, Jahrgang 1972 und selbst Emigrant, die beiden Welten, die er wie seine Westentasche kennt.

Girshkins überstürzte Flucht nach Prawa, dem "Paris der 90er Jahre" und Tummelplatz amerikanischer Möchtegernkünstler (für das Prag Pate stand), gibt dem Autor beste Gelegenheit, diese beiden Milieus aufeinander schlagen zu lassen: Postkommunismus und Globalisierung, Gesetzlosigkeit und Political Correctness, osteuropäische Tragikomik und westliches Selbstbewusstsein und Verwöhntheit. "Er hätte, und zwar aus eigener Kraft, die Endstation jeder Immigrantenreise erreicht: ein besseres Zuhause zum Unglücklichsein", hieß es über Girshkins erfolgreiche Einnistung in einer New Yorker Professorenfamilie, bei Töchterchen Fran. Aber erst im gefährlichen Prawa, fern von Jelena Petrowna, beginnt sich Vladimir zu entwickeln, steigt überraschend (und vielleicht etwas wenig motiviert) zum Zampano einer mafiosen Vereinigung sowie der US-Exilgemeinde auf, die er zuerst mit der Literaturzeitschrift "Cagliostro" einkocht und dann mittels eines Pyramidenspiels auszunehmen versucht.

Wäre dem nicht genug, bekommt er auch noch eine "zähe, gut aussehende und doch absolut unbesondere Frau" zur Seite gestellt - womit das Ziel, sein (manchmal überzogen wirkendes) Emigrantentrauma zu überwinden und ein stinknormaler Amerikaner zu werden, in greifbare Nähe rückt. Diese Morgan Jenson mit unmodernem Langhaar und stämmigen Beinen, aber beileibe nicht so unschuldig und formbar, wie Vladimir vermutet hat, ist die interessanteste, am wenigsten klischeehafte Figur des Buches - und die Annäherung der beiden aneinander ein Beweis dafür, dass Shteyngart auch noch ganz anders schreiben könnte, jenseits von Milieusatire und Klamauk.

Das fulminante, actiongeladene Ende und der tiefgründige Epilog seien hier nur angedeutet. Damit, dass Girshkin pünktlich zu seinem 30. Geburtstag dort ankommt, von wo die meisten amerikanischen Protagonisten, etwa die Jonathan Franzens, panisch zu flüchten pflegen. Dass er dort, und sei es nur beinahe oder auf seine Weise oder vielmehr ironischerweise: glücklich wird. (ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 10./11.7.2004)

Von
Kirstin Breitenfellner
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    Gary Shteyngart:
    Handbuch für den russischen Debütanten
    Roman. Aus dem Amerikanischen von
    Christiane Buchner und Frank Heibert.
    € 22,70/492 Seiten. Berlin Verlag, Berlin 2004

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