Aufbruch und Resignation

16. Juli 2004, 13:54
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Eine Annäherung an Anton Tschechow, der am 15. Juli 1904 starb und dessen geistige Wirkung auf das 20. Jahrhundert kaum überschätzt werden kann

A. Cechonte . . . So unterschreibe ich in den 6-7 Zeitungen, an denen ich mitarbeite. Ich bekomme 8 Kopeken für die Zeile. Es lebt sich leidlich, aber meine Gesundheit - o weh und ach! Man arbeitete wie eine Affe, legt sich um fünf Uhr morgens schlafen. Ich schreibe für die Zeitschriften auf Bestellung, und nichts ist schlimmer, als sich zu bemühen, den Termin einzuhalten." Die Klage des dreiundzwanzigjährigen Anton Pawlowitsch Tschechow gegenüber seinem Freund und ehemaligem Nachhilfeschüler Pjotr Kravcov ist nur eine der endlosen Jammertiraden über die Bedingungen des Autors als Produzent, die einen der erfolgreichsten russischen Schriftsteller an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert auch in den Zeiten seines höchsten Ruhms nicht verlassen. Noch der vielgefeierte Starautor des Moskauer Künstlertheaters, Verfasser von Erfolgsstücken wie Die Möwe oder Drei Schwestern, dem schon früh mit der Erzählung Eine einfache Geschichte ein durchschlagender Publikumserfolg gelungen war, wird unter Geldmangel leiden.

Als Enkel eines freigelassenen Leibeigenen und Sohn eines Kaufmannes am 17. Januar 1860 im südrussischen Taganrog am Asowschen Meer geboren, steht das Leben des Anton Pawlowitsch gleichermaßen im Zeichen von Aufbruch wie von Resignation: Aufhebung der Leibeigenschaft, Reform des rückständigen Zarenreiches, Engagement der Intellektuellen einerseits und Aufkündigung aller gesellschaftlichen Modernisierungsbemühungen infolge der Ermordung des "Befreierzaren" Alexander II. im Jahre 1881 andererseits, die zu einem Triumph der Reaktion führen und das Ende des 19. Jahrhunderts zur "vielleicht düstersten Periode, die Russland in den letzten hundert Jahren durchlebt hat" (Pjotr Kropotkin, Ideal und Wirklichkeit der russischen Literatur) machen, sind die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen von Tschechows Schaffen.

Schon als Siebzehnjähriger gezwungen durch Nachhilfestunden für den Lebensunterhalt seiner bankrotten Familie zu sorgen, beginnt Tschechow mit Satiren und Humoresken, kleine Formen voll parodistischen Eifers und Spottes über die Niederungen des Provinzalltags, über Philistertum und Herabgekommenheit jener sog. Intelligenzija, die sich gerade noch als Russlands Stolz verstanden hatte und sich ebenso rasch mit der zaristischen Reaktion abfand. Nach Beendigung des Gymnasiums in der Provinz übersiedelt er nach Moskau, um Medizin zu studieren. Mit bemerkenswerter Geschwindigkeit findet Tschechow Eingang in die zitierten Zeitungsredaktionen. "Der Wecker", "Neue Zeit", "Splitter" oder "Petersburger Zeitung" heißen die Zeitschriften, die in unübersehbarer Menge in den beiden Hauptstädten Moskau und Petersburg erscheinen, bei denen sich der angehende Mediziner verdingt. Eine wirkliche Arztpraxis wird Tschechow, der an jedem Ort, an dem er sich gerade aufhält, seine heilerischen Fähigkeiten sofort unter Beweis stellt, nie besitzen, auch wenn die Bauern von Melichowo, seinem Landsitz in der Nähe Moskaus, rasch erkennen werden, dass sie mit Anton Pawlowitsch eine Arzt haben, wie es ihn kaum in Moskau ein zweites Mal gibt. Er behandelt meist unentgeltlich.

Für Tschechow, der als Autor dem Puschkinschen Ideal von Genauigkeit und Kürze, von "Gedanken und nochmals Gedanken" huldigt, stellt die daraus entstehende genaue Kenntnis seiner Umwelt eine wesentliche Voraussetzung seines Schreibens dar, das ohne Verklärung des russischen Alltags fast zwangsweise in Konflikt mit den führenden Kritikern seiner Zeit gerät. Als Literaturkritiker mehr als nur Interpreten von Texten wissen sich die Wortführer der so genannten Volkstümler und der Slawophilen jenen Göttern der russischen Intellektuellen, dem verklärten Bild des Bauern oder dem messianisch überhöhten Herrschaftsgefüge verpflichtet, das Tschechow in all seiner Lächerlichkeit, korrumpierten Niedertracht, in seinem Schmutz wie in seiner Verkommenheit aufs Korn nimmt.

Er verfasst kritische Gerichtsreportagen, kommt ob seiner Forderung nach der Abschaffung des byzantinischen Rängewesens der zaristischen Bürokratie auch mit der Zensur in Konflikt, für die große Erzählung Die Steppe aus dem Jahr 1887 erntete er schließlich geharnischte Kritik von links. Die hundertseitige impressionistische Schilderung der Reise des neunjährigen Egoruschka mit seinem Onkel und einem Popen durch eine emphatisch beschriebene Steppenlandschaft, zugleich eindringliche Milieustudie, die zweifellos den Rang von Weltliteratur besitzt, trägt ihm den Ruf eines "Priesters der Prinzipienlosigkeit" ein. Nicht lyrische Prosa ("Ich schildere die Ebene, die violette Ferne. . .") ist gefordert, sondern vorgekaute Lebenshilfe, Moral und explizite Handlungsanweisung. Tschechow reagiert darauf als Schriftsteller. Er sei weder Konservativer, noch Reformist oder Mönch, aber auch kein Indifferenter. Es ist nicht der Ton der Predigt, den Anton Tschechow wenige Jahre später mit einem seiner vor allem im Westen unbekanntesten Bücher, der Insel Sachalin (1893), einem Bericht über seine mehrmonatige Reise auf die Gefangeninsel in Russlands fernem Osten, anschlägt; der Plan des mittlerweile höchst erfolgreichen Moskauer Bohemiens, Bordellbesuchers und Satirikers Tschechow, dessen Stücke schon in den größten Theatern des Landes gespielt werden, sich mit dem System des russischen Strafvollzuges zu beschäftigen, hat aber durchaus moralistische Züge - in Bezug auf sich selbst.

Es beginnt mit einer persönlichen Krise. "Im Januar werde ich 30 Jahre alt. Eine Gemeinheit." Alles, was er bislang geschrieben hat - und das ist gut ein Drittel jener letztlich über fünfhundert Erzählungen - erscheint ihm als literarisch bedeutungslos, in einem Brief fragt er: "Sollte ich nach Tirol fahren, nach Berditschew, nach Sibirien - alles egal". Die Wahl fällt schließlich auf Sibirien, jenes neue, gerade erst bis an seine äußerste Grenze im Osten ganz in Besitz des russischen Kolonialreichs (Wladiwostok bedeutet "Beherrsche den Osten") gegangene Gebiet, das im Wesentlichen mit Hilfe von Strafgefangenen kolonisiert wird. Eine Rückkehr der zu lebenslanger Haft Verurteilten nach Europa ist nicht vorgesehen, ein Umstand, den das Zarenreich geheim zu halten beabsichtigt, Tschechow hingegen leidenschaftlich anprangert. Der Bericht über die vom April bis in den Spätherbst des Jahres 1890 dauernde Reise per Eisenbahn, Schiff und Pferdefuhrwerk erzählt von Flora und Fauna Sachalins, von der indigenen Bevölkerung, den Ainus, vom System der Strafen, Lebensumständen und Alltag von Wachmannschaften und Gefangenen - in der Zeit zwischen den 1860er-Jahren und der Jahrhundertwende 60.000 an der Zahl.

Gegen Jahresende ist er wieder zu Hause, und es gehört gleichermaßen zu Tschechows pragmatischem wie widersprüchlichem Charakter als Autor, die Erfahrung der russischen Katorga einfach als Meilenstein seiner literarischen Karriere zu verbuchen. "Ich bin froh, dass ich in meiner belletristischen Garderobe auch dieser grobe Häftlingskittel hängen wird." Die bis heute mustergültige Reportage über die russische Katorga, schon aus rein stilistischen Gründe weitaus aktueller als Alexander Solschenizyns Archipel Gulag hat im 20. Jahrhundert wesentliche Bedeutung für den eigentlichen Dichter der Stalinschen Konzentrationslager, für Warlam Schalamow und seine (leider noch immer nur in knapper Auswahl ins Deutsche übersetzen) Erzählungen aus Kolyma.

Die 1890er-Jahre führen den mittlerweile immer schwerer unter seiner Lungentuberkulose leidenden Tschechow (in Sachalin war er - zu seinem Erstaunen - immer gesund gewesen) in zahlreichen Reisen durch ganz Russland, die Maler Ajwasowskij oder Repin gehören genauso zu seine Gesprächspartnern wie das moralische Gewissen des Zarenreiches, Lew Tolstoj; Tschechow engagiert sich für den inhaftierten Dreyfuss, diskutiert im Moskauer Künstlertheater die neueste Mode des "Ibsenismus", seine Erzählung Bauern wird vernichtend kritisiert, Nietzsche, in Europa und somit auch in Russland der neueste Schrei, findet er "kurzlebig", allerdings hätte er Interesse, mit diesem eine Nacht lang zu sprechen.

Zur Behandlung seiner Krankheit reist er nach Nizza, weitere Reiseziele sind Deutschland, Frankreich, Italien - in Wien bewundert er den Stephansdom und die Votivkirche, Kunst erstrecke sich hier "über einige Werste", gemeint ist die neu erbaute Ringstraße mit ihrem Zuckerbäckerstil, in den Auslagen bestaunt er die "Milliarden von Krawatten" und die zahlreichen Buchhandlungen: "In jeder Gasse unbedingt eine." Dass seine Erzählungen mittlerweile auch ins Deutsche übersetzt werden, verrät nur, wie eng Russland am Ende des 19. Jahrhunderts mit Europa verbunden ist, ein Europa, das in der Folge zu einem der größten Bewunderer Tschechows werden wird, vor allem jener fünf Theaterstücke, die ab der zweiten Hälfte der 1890er-Jahre entstehen - von der Möwe bis zum Kirschgarten - und mit Tschechow geradezu synonym sind.

Kein großer europäischer Regisseur von Strehler bis Barrault, Brook und Stein, der es in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts vermeiden kann, Tschechow - der zu Jahrhundertbeginn vor allem der Erzähler Der Dame mit dem Hündchen oder von Krankensaal Nr. 6 war - zu inszenieren. Die Möwe, Symbol der Kunst in einer moderner Welt, fällt ursprünglich durch, Onkel Wanja, mit dem der Weltruf des Moskauer Künstlertheaters einsetzt, (Tschechows spätere Ehefrau Olga Knipper spielte darin die Hauptrolle der Elena Andreevna) bis zu den "Drei Schwestern" (1900) und zum Kirschgarten (1904) - alle Stücke umkreisen unablässig jene Tschechowsche Generalfrage, die er schon in seinem frühen Stück Platonow formuliert hatte: "Warum lebe wir nicht so, wie wir leben könnten?" Und jedes dieser Stücke - die vom Autor allesamt als Komödie, als Lustspiele konzipiert und mitunter auch als solche betitelt wurden - ist ab dem Zeitpunkt seiner Uraufführung mit jenem großen Makel behaftet, zumindest dem große Problem: jener Langatmigkeit und Aussichtslosigkeit, die Tschechow zum Autor von Weltuntergang, von Lähmung und Erstarrung vor lauter Langeweile und Schwermut werden ließ. "Was sollen wir machen?", heißt es am Schluss von Onkel Wanja - "Wir müssen leben." "Wenn man nur wüsste" im Kirschgarten. Die in ihren Hoffnungen enggeführten drei höheren Generalstöchter Mascha, Irina und Olag mit ihrem sprichwörtlichen Ruf "Nach Moskau!" verharren in der schlechten Unendlichkeit ihrer Resignation, im letzten Akt des Stückes denken sie nicht einmal mehr daran. Und wenn Tschechow auch mit Figuren wie Anja, der Tochter der Hausherrin im Kirschgarten eine positive Gegenfigur schafft, so ändert das am düsteren literarischen Zeitbefund des von seiner Krankheit schließlich schwer gezeichneten Tschechow nichts mehr: "Ich glaube nicht mehr an unsere Intelligenzija, die heuchlerisch, verlogen, faul und dumm ist, ich glaube nicht mehr an sie, selbst wenn sie leidet und sich beklagt. . ."

Es spricht einiges für die These des Tschechow-Freundes und späteren Literaturnobelpreisträgers Iwan Bunin, der in einem umfangreichen Tschechow-Buch die These aufstellt, dieser habe durch die Heirat mit der Schauspielerin Olga Knipper eine Art Selbstmord begangen. Die jahrelange Beziehung zur Starakteurin des Moskauer Künstlertheaters hatte schließlich auf deren Drängen zur Ehe geführt; Tschechow, der sie in endlosen Briefen immer umwarb - "Ich küsse dich achtzehnmal und umarme dich fest. Denk daran, dass ich dich erwarte. Denk daran! Dein Mönchspriester Antonij." - verkraftet schließlich weder die dauernden Trennungen und Konflikte und noch weniger den ob falscher medizinsicher Diagnose verordneten Ortswechsel auf die Krim: Sein Haus in Jalta bezeichnet er schließlich als sein "eigentliches Sibirien".

Am 3. Juni 1904 reist er schließlich zur Behandlung seiner TBC in Begleitung seiner Ehefrau - die deutschstämmige Russin Knipper hat wenig Vertrauen in die Moskauer Ärzte - nach Badenweiler im Schwarzwald, wo Anton Pawlowitsch Tschechow am 15. Juli schließlich stirbt. Und zwar durchaus tschechowreif: Nach einem Anfall akuter Atemnot verlangte er nach Champagner und sagte: "Ich sterbe." "Er nahm das Glas - so Olga Knipper - dreht sich zu mir, lächelte sein wunderbares Lächeln, trank das Glas in Ruhe aus und legte sich auf die linke Seite und war bald für immer verstummt." (ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 10./11.7.2004)

Von Erich Klein

Der Autor ist Journalist und Übersetzer, er lebt in Wien.

Tschechows Werk liegt in zahlreichen Ausgaben in verschiedenen Verlagen vor. Bei Diogenes ist ein Großteil seiner Schriften in Taschenbuchausgaben greifbar.
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    foto: diogenes verlag /standard printausgabe
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