Die narrative Kraft

11. Juli 2004, 11:00
posten

Bilderflut statt Diskurs - Zur akademischen Beschäftigung mit Ikonen

Die Reise durch die Bilder fand in zwei Tagen statt. Sie führte von der Zugangskontrolle durch Iris-Scans bis zur Manipulation von TV-Nachrichten, sie brachte das Unsichtbare durch Rastertunnelmikroskope vor Augen und das Bombardement eines Videoclips ins Gemüt, sie machte bei der Authentizität der guten alten Fotografie Rast und beim Symbolgehalt visueller Chiffren. Zum Treffen "Iconic Turn", einem Schnellsiedekurs quer durch die Macht der bildlichen Darstellung, hatte das Burda Center for Innovative Communications an der Beersheva-Universität in der Negev-Wüste nach Israel geladen.

Forscher und Theoretiker diskutierten hier die "Wendung zum Ikonischen", die bereits an der Münchner Uni, wieder unter Burdas Schirmherrschaft, einer Vortragsreihe den Namen gegeben hatte, welche natürlich wiederum medial, durch Bilder verbreitet wurde. Zudem laufen Ausstellungen, finden Symposien statt, gründen sich Arbeitskreise von Kulturwissenschaftern und Historikern, alle zu diesem Thema und seinen Varianten: viel Beachtung, viele Worte um Bilder, die, einem der verbrauchtesten Klischees zufolge, doch selbst mehr sagen als tausend Worte.

Neu ist die Beschäftigung mit der steigenden Bilderflut nicht. Spätestens seit der Wende zum 20. Jahrhundert und in immer wiederkehrenden Wellen diagnostizierte man sie und immer hatte man Recht - gemessen an früher gab es mehr piktorielle Darstellung und weniger klassischen Text. Neu ist die wachsende Erkenntnis, dass es nicht nur um quantitative Zunahme, sondern um qualitative Veränderungen geht: dass Bilder ihren eigenen Sinn produzieren, ihrer eigenen Logik gehorchen und uns die ihrige aufzwingen, wenn etwa die Sichtbarmachung von bislang unsichtbaren Prozessen bestimmte Imagines im Kopf erzeugt. Dass ist mehr als die Semantik der Filmsprache (die uns ja wiederum nicht neu ist), das dringt vielmehr in Denk- und Sinngebungsbereiche ein und vermittelt dort Bedeutung, wo man auf die Vorherrschaft des rationalen Diskurses pocht.

Keine Rede, meinten vor rund einem Jahrzehnt zuerst die Literaturwissenschafter und Kunsthistoriker, die in Deutschland und den USA die Begriffe "iconic" bzw. "pictorial turn" prägten. Mit unterschiedlichen Ausprägungen, wie sie der Kunstkritiker Willibald Sauerländer konstatiert. Er nennt die Rede vom "iconic turn", wie sie vor allem unter kontinentaleuropäischen Kunsthistorikern geführt wird, einen "sympathischen Versuch, die (. . .) Vorstellung von der Absolutheit, der Aura der Kunst gegen den Verbrauch der Bilder durch deren mediales Verständnis zu erretten". Dem stellt er die Frage nach der Suggestivkraft von Bildinszenierungen entgegen; er bezeichnet sie als amerikanische Position, sie habe eine schwellenlose Einstellung zur massenhaften Verbreitung durch Medien: Bilder zur emotionalen Identifikation statt abstrakter Diskurs - das entspreche einem "extrovertierten iconic turn: Sein heißt wahrgenommen werden."

Die inszenatorische Kraft der Bilder ruft nach (Re)interpretation des Gesehenen, bei weitem nicht nur in der Kunst. Auch dort, wo reale Gewalt durch Abbildungen ergänzt oder verdeckt wird, wird diese Kraft deutlich. In einer kuriosen, aber nicht zufälligen Verdichtung der Ereignisse findet zugleich eine österreichische Forschungsarbeit über Fotos aus dem Ersten Weltkrieg als Propaganda statt, eine Ausstellung über dasselbe Thema im Deutschen Historischen Museum Berlin (bis 15. August) und die Vorbereitung der Bildtage Göttweig über "Bildgedächtnis - Bildvergessen. Survival of the the images" (24. bis 26. September) - und das ist nur eine kleine Auswahl der akademischen Beschäftigung mit Ikonen (sehr viel mehr auf der "Bildpolitik"-Website siehe Artikelende). Währenddessen steht die Welt unter dem Schock digitaler Dokumente von Folter und Enthauptung und sucht nach einem Erklärungsmuster für die Folgen ihrer Mediatisierung.

Für Geschichtswissenschafter sind die Ikon-Diskurse Anlass, sich mit den "Erzählungen" der Vergangenheit unter neuem Blickwinkel zu beschäftigen. Bilder entwickeln ihre eigene narrative Kraft, die es zu verstehen gilt. Was bringt uns etwa dazu, mit dem Begriff "Europa" etwas Emotionales zu verbinden? Einen Binnenmarkt könne man nicht lieben, hat Jacques Delors vor Jahren gesagt; wo also könnten die Identifikationsmuster für eine solche Liebe oder wenigstens Zuneigung liegen?
Das herauszufinden, ist eines der Ziele des Forschungsprojekts "Iconclash. Kollektive Bilder und Democratic Governance in Europa" vom BMBWK, dem Demokratiezentrum Wien und der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Es ist, wie Projektleiterin Heidemarie Uhl sagt, ebenfalls vom "visual turn" geprägt. Dieser habe darauf aufmerksam gemacht, wie sehr Identitäten durch Bilder geprägt werden. Die durch sie vermittelten Vorstellungen und Deutungen der sozialen Wirklichkeit "werden handlungsleitend und beeinflussen so die politische Praxis".

Vom "Clash" sprechen die Forscher, weil sie unter der "offiziellen" EU-Bildebene (etwa Familienalbum-Fotos der Politiker oder die christliche Kathedralensymbolik auf den Eurobanknoten) nach Widersprüchen und Kontroversen suchen. "Als es um die neuen Beitrittsländer ging", sagt Uhl, "gab es viele Darstellungen mithilfe der Folklore. Das sah nett aus, war aber zugleich eine Markierung für ,das Andere', das Fremde - ein postkolonialer Blick."

Hinter jedem Bild steckt eine Strategie, es zeigt ganz bestimmte Dinge nicht zugunsten von anderen: Aus dieser relativ trivialen Einsicht lässt sich die Wirkung von Visualisierungen gut bestimmen - dass etwa das Symbolbild einer Baustelle über Europa etwas ganz anderes aussagt als eine Briefmarke mit dem Bild eines Brüsseler EU-Gebäudes. Die Wirkung von Bildern wie dem Kniefall Willy Brandts, dem Hand-in-Hand von Mitterrand und Kohl, dem Fall der Mauer auf eine ganze Generation kann man gar nicht überschätzen. Sie sind "Orte der Erinnerung", bei denen kaum jemand physisch war, die vielmehr zu den Leuten gekommen und bei ihnen geblieben sind. Nicht so sehr Abbildungen der Wirklichkeit als Inhalte eines kollektiv geteilten Bildgedächtnisses: eine neue Autorität für ein altes Medium. (ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 10./11.7.2004)

Von
Michael Freund

Links

  • Iconic Turn

  • Bildpolitik

  • Iconoclash, Ausstellung ZKM

  • Demokratiezentrum Wien


  • Medienkrieg in Österreich-Ungarn
    Kriegsfotografie als Propaganda im Ersten Weltkrieg
    • Artikelbild
      foto: bildpolitik.de
    • Bild nicht mehr verfügbar

      Bilder als "Orte der Erinnerung":
      Wie das Foto von JFK junior, der 1963 am Sarg seines ermordeten Vaters John F. Kennedy salutierte ...

    • Bild nicht mehr verfügbar

      ... oder der Kniefall des deutschen Bundeskanzlers Willy Brandt am Mahnmal für die Opfer des Getto-Aufstandes in Warschau 1970 (unten). Bilder wie diese entwickeln ihre eigene narrative Kraft und sind weniger Abbildungen der Wirklichkeit als vielmehr Inhalte eines kollektiv geteilten Bildgedächnisses.

    • Artikelbild
      foto: iconic-turn.de
    • Bild nicht mehr verfügbar

      Christa Maar, Hubert Burda (Hg.), Iconic Turn. Die neue Macht der Bilder. € 25,60/452 Seiten. DuMont, Köln 2004.

    Share if you care.