Die Ostgrenze der globalen Sprache Pop

9. Juli 2004, 20:20
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Trotz vitaler Szenen wird Popmusik aus Osteuropa immer noch gering geschätzt - Der Wiener Booker und Musiker Rainer Krispel im STANDARD-Interview

Krispel sprach mit Karl Fluch über seine Erfahrungen mit Ost-Pop, die herrschenden Vorurteile und mögliche Zukunftsszenarien.


STANDARD: Der eiserne Vorhang ist vor 15 Jahren gefallen, die EU in den Osten erweitert. Popmusik aus Osteuropa führt jedoch eine extreme Randgruppenexistenz. Warum?
Krispel: Ich glaube, dass in Österreich noch aus der k. u. k. Zeit überlieferte, nie ausgeräumte Vorurteile dafür mitverantwortlich sind, dass man dazu neigt, fast alles, was aus Osteuropa kommt, eher geringschätzig zu behandeln. Dazu kam eine politische Umlenkung. Man muss bedenken, dass Österreich aus einem Kulturkreis herausgerissen und - lange am Rand zum früheren Ostblock angesiedelt - gen Westen umorientiert wurde. Weiters sind wohl musikalische Traditionen der Ostländer dafür verantwortlich.

STANDARD: Nämlich welche?
Krispel: Die erfolgreichsten Ostmusiker sind in der Folklore oder der Weltmusik zu finden. Oder in sehr konzeptionellen Gruppen, wie die Geschichte der slowenischen Band Laibach gezeigt hat, die im Westen sehr erfolgreich war. Aus der bildenden Kunst kommend war ihr Schaffen in Form und Inhalt wohl durchdacht und originär.

STANDARD: Was haben Sie als Musiker und Veranstalter für persönliche Erfahrungen in Osteuropa gemacht?
Krispel: Als Musiker habe ich in Warschau, Prag und Budapest Konzerte gespielt, die für mich zu den besten überhaupt zählen. Als Veranstalter sieht die Bilanz ernüchternder aus: Ein Kulturaustauschprogramm mit ungarischen Underground-Bands lief zwar in Ungarn sehr gut, in Wien kamen dann aber exakt zwei Besucher zum Konzert.

STANDARD: Verantwortet das die Mauer in den Köpfen oder mangelt es an der Qualität?
Krispel: Die Qualität mancher Bands ist schon eher unterirdisch. Dazu kommen Sprachbarrieren und Vorurteile - schon bleibt der Saal leer.

STANDARD: Versagt also die angeblich globale Sprache Pop?
Krispel: Sagen wir so: Es beweist zumindest, dass diese Annahme weit gehend suggestiv ist. Trotzdem, es gibt sehr viele Szenen: Reichlich Techno, experimentelle Musiken, dazu Jazz, Gothic und einen sehr vitalen Hardcore- und Emocore Underground. Aber auch dort zeigt sich - wie eine mir bekannte Geschichte beweist -, dass die Publikumsakzeptanz ungleich höher ist, wenn eine Band "made in the USA" auf ihr Cover schreibt.

STANDARD: Wie viele Bands bekommen Sie aus dem Osten durchschnittlich angeboten?
Krispel: Etwa 20 pro Monat, quer durch alle Genres.

STANDARD: Wer wäre denn politisch gefordert?
Krispel: Na ja, wenn sieht, wie hilflos schon die österreichischen Versuche sind, Pop von offizieller Stelle aus zu vermitteln, kann man sich vorstellen, welche Priorität das Thema in Ostländern genießt, wo man mit elementaren gesellschaftlichen und politischen Problemen beschäftigt ist.

STANDARD: Das klingt etwas (kultur-)pessimistisch.
Krispel: Ja, aber wie überall gilt, dass auch hier Komponenten Einfluss haben, die wenig mit künstlerischer Qualität oder Inhalten zu tun haben. Ich kann mir also durchaus vorstellen, dass mit dem entsprechendem Marketing und Managementgeschick in den nächsten zehn Jahren zum Beispiel eine Band aus Ungarn groß rauskommt. (DER STANDARD, Printausgabe, 10./11.7.2004)

Von
Karl Fluch

  • Zur Person: 
Rainer Krispel, 36 Jahre alt, ist Booker beim Wiener Musiklokal Chelsea, Journalist und - aktuell zusammen mit Ernst Molden als Red River - Musiker.
    foto: krispel

    Zur Person:

    Rainer Krispel
    , 36 Jahre alt, ist Booker beim Wiener Musiklokal Chelsea, Journalist und - aktuell zusammen mit Ernst Molden als Red River - Musiker.

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