Jorge Semprún: "Was für ein schöner Sonntag!"

16. Juli 2004, 19:46
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Die Geschichte der beiden Regime, die das zwanzigste Jahrhundert geprägt haben, ist die Geschichte Semprúns

Ein Gefangener schaut frühmorgens gen Himmel, er ruft, ganz laut: "Was für ein schöner Sonntag!" Der Gefangene ist ein Freund von Jorge Semprún. Nein, ein Freund ist er eigentlich nicht, im KZ sagt man "Kumpel", was zutreffender ist: Freunde sind miteinander, Kumpel harren aus, nebeneinander. So war es im KZ - bestenfalls.

Als Semprún nach Buchenwald kam, war er 21 Jahre alt. Die Bücher, in denen er seither vom KZ erzählt hat, handeln aber nicht allein davon, wie er die Zeit im Lager als junger Mann erlebte. Sein ganzes Leben ist es, das er zum Thema macht. Und in keinem seiner Romane, die er deshalb als Romane schreibt, weil "man die Wahrheit ein bisschen erfinden muss", hat er das bisher ausführlicher getan als in Was für ein schöner Sonntag!.

Die Geschichte der beiden Regime, die das zwanzigste Jahrhundert geprägt haben, die des Nazismus und die des sowjetischen Totalitarismus, ist die Geschichte Semprúns. Semprún hat viele Jahre lang im Untergrund für die verbotene Kommunistische Partei Spaniens gearbeitet. Anfangs war er ein überzeugter Stalinist, doch zu Beginn der Sechzigerjahre löste er sich von der KP, 1964 wurde er aus der Partei ausgeschlossen.

Der Tod im Lager, dem er entronnen war, und der Tod, der ihm in einem der Gefängnisse Francos drohte: Diese beiden hatten nichts miteinander zu tun. Jahrelang nicht. Bis 1952 bei den Slansky-Prozessen in Prag auch ein tschechischer Kommunist verurteilt wurde, von dem Semprún wusste, dass er sich nicht schuldig gemacht haben konnte: Josef Frank sollte angeblich als Gefangener in Buchenwald mit den Nazis kollaboriert haben. Das konnte nicht sein, Semprún wusste es: Er hatte damals im Lager neben Frank in der so genannten Arbeitsstatistik gearbeitet und oft genug mit ihm zusammen die Karteikarten der Gefangenen manipuliert, weil die kommunistischen Kader des Lagers beschlossen hatten, es müsse dieser oder jener Genosse am Leben bleiben. Wäre Frank ein Büttel der Nazis gewesen, hätte Semprún das Jahr 1952 nicht erlebt, in dem sein ehemaliger Kumpel von den Kommunisten hingerichtet wurde.

Als er 1980 Was für ein schöner Sonntag! veröffentlichte, hatte er es oft erlebt, dass er der Vergangenheit wieder begegnet war. Spiegelungen der Erinnerung, das Déjà-vu, die seltsamen Koinzidenzen des Daseins bestimmen die Form seiner Erzählung. Was für ein schöner Sonntag! folgt den Assoziationen der Erinnerung. Und so viel Semprún darin vom KZ erzählt, so sehr er sich darin über seine Zeit als Kommunist Rechenschaft gibt, umgreift das Buch in Wahrheit alle Reminiszenzen, mit denen und in denen er lebt: Die mal staubigen, mal schneebedeckten Landschaften; die Klänge der Lieder, die in Hinterhöfen gesungen wurden; die Wimpern der Frauen, die er traf und in deren Blicken er, wie es Menschen so geht, sich immer auch selbst gespiegelt fand. (DER STANDARD, Printausgabe, 10./11.7.2004)

Der siebzehnte Band wird vorgestellt von Franziska Augstein.
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    foto: buchcover süddeutsche
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