Der Besuch der alten Damen

9. Juli 2004, 19:33
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Lockenhaus macht wieder Musik

Lockenhaus - Die A2 runter, Ausfahrt Krumbach, dann einfach immer geradeaus: Krumbach, Kirchschlag. Beim Puff in einer schnittigen Links-rechts-Kombination über die Bundesstraße, und schon ist man da: in Lockenhaus. Oben eine Burg, unten ein kleines Dorf mit Kirche, alles sanft umhügelt und umwaldet.

Und sonst? Ein Billa, eine Fleischhauerei und reichlich Ruhe. Die den Hauptplatz dominierende Pfarrkirche von Pietro Orsoloni verströmt Italianità, die beiden Restaurationsbetriebe am Platz - sie bewältigen das maßvolle Gästeaufkommen souverän - huldigen architektonisch bescheidener dem ortsüblichen Erscheinungsbild.

In der einen Tick besser gelegeneren der beiden Verköstigungsstationen, dem Gasthof Familie Lackner, sehen wir eine mondän-elegant adjustierte Dame in den besten Jahren an ihrem Weißweinglas nippen; sie wird bald mit ihrer ebenfalls für ihr Alter noch recht pfiffig gekleideten Begleiterin den Weg zur Burg antreten. Oben dann, im etwas stickigen, eng bestuhlten Festsaal lauschen die zwei zuallererst dem Festivalgründer.

Gidon Kremer, der vor 23 Jahren diese "Versammlung von Freunden, die mit Freunden für Freunde Musik spielen wollen", zusammen mit Pfarrer Josef Herowitsch initiiert hat, spielt das etwas monoton bipolare, Gott sei Dank recht kurze Werk Con passione des georgischstämmigen Russen Alexander Bakshi. Über das gleich lautende, nichts sagende Motto des diesjährigen Kammermusikfestivals hatten die Damen schon im Lackner enttäuscht die feinen Coiffuren geschüttelt. Fühlen sich die beiden denn wohl in der seniorenheimeligen Atmosphäre hoch oben in der Burg? Aber ja!

Süffig-sinnlich

Nach der von Gregory Goryunov und Sergei Kusnetsov bravbubig vorgetragen Cellosonate von Frédéric Chopin sehen und hören sie Katia Skanavi einer Raubkatze gleich, brünstig fast durch die b-Moll-Klaviersonate des großen Melancholikers preschen. Sa Chen aber - da nickt die eine Freundin der anderen augenblicklich zustimmend zu - bringt die h-Moll-Sonate dann noch eine Spur überzeugender, ausbalancierter, souveräner. Und, aber sicher, einfach unglaublich dann das von Skanavi, Daniel Garlitzky und Christian Poltera süffig-sinnlich hingefetzte g-Moll-Trio von Chopin. War's schön?

Schön war's. Abstieg von der Burg ins Dorf, von der hohen Kunst ins niedere Leben: Zu Verköstigung, zu Weißwein streben. (DER STANDARD, Printausgabe, 10./11.7.2004)

Von
Stefan Ender
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Kammermusikfest Lockenhaus
Noch bis 18. 7.
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