Groß kariert gedacht

11. Juli 2004, 21:50
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Joseph Lorenz brilliert als Dr. Bertram in Zweigs "Schachnovelle", die Helmut Peschina für die Festspiele in Reichenau dramatisiert hat

Wegen Lorenz lohnt die Reise in die Theatersommerfrische - trotz der unauffälligen Inszenierung von Helmut Wiesner.


Reichenau - Stefan Zweigs "Schachnovelle" gründet auf einem fatalen Leseirrtum: Der sich 1938 in Gestapo-Haft befindliche Wiener Anwalt Dr. B. stiehlt - um der monatelangen Isolation in dem dafür vorgesehenen Zimmer im Hotel Metropole zu entkommen - aus der Manteltasche eines seiner Widersachers ein Buch. Die große Hoffnung, es würde sich dabei um ein schönes Stück Literatur handeln, wird aufs Gewaltsamste zerschlagen, als er die fette Beute genauer ins Auge fassen kann: "150 Meisterpartien. Ein Schachrepetitorium."

Joseph Lorenz, der diesen Dr. Bertram in einer Bühnenfassung Helmut Peschinas für die Festspiele in Reichenau verkörpert, lässt in jenem Moment den bibliophil hart gestraften Mann in seinem dann folgenden Wahn wie einen scharf blitzenden Stern aufglühen. Als einen, der die Welt bereits verlassen hat, um sie nach diesem, in der Folge zur Sucht gewordenen, endlosen Spiel von Schwarz gegen Weiß, und gegen sich selbst, als ruhiger Mann unauffällig wieder zu betreten.

Längst an Bord eines Dampfschiffs nach Rio wird dieser Dr. Bertram durch eine Schachpartie in seiner Manie gepackt und lässt für einen kurzen Blick auf das teuflisch karierte Feld sogar seine schwarze Sonnenbrille runter. Seiner Darstellung wegen ist Reichenau die Theaterreise durchaus wert.

Die Passagiere dürfen in ihrer Unbedarftheit Schach als Spiel betrachten, als einen dem puren Vergnügen geschuldeten Wettkampf für gelangweilte Kreuzfahrer. Helmut Wiesners unauffällige Inszenierung dieser Szenenfolge, die reale und erinnerte Räume zu verknüpfen weiß (auch für diese Produktion stammt das Bühnenbild von Intendant Peter Loidolt), akzentuiert die Differenz der Figuren in ungestümer Art:

Toni Böhm gibt als kalifornischer Ölmagnat McConnor einen Frank Stronach der Spieldilettanten ("Nimm the Turrrm!"), Alexander Lhotsky als, hier Dr. Hartl genannter. Erzähler und Zuhörer versammelt in sich alle Geschmäcker eines oberflächlichen, unverständigen Zeitgenossen. Und wohl aus reinen Mengengründen hat Helmut Peschina mit Frau Hartl (Therese Lohner) und zwei Herren (Bernd Birkhahn und Rainer Friedrichsen) Randgestalten dazu erfunden, die am Sonnendeck in karierten (!) Liegestuhldecken Urlaubsstimmung suggerieren: Sie sind die notwendige Staffage für die zum Drama gewordene Erzählung, die vor allem aus Monologen besteht.

Tölpelhaft unterkühlt

Selbst der an Bord herumschleichende und schließlich zum Spiel herausgeforderte Schachweltmeister Mirko Czentovic des Jürgen Maurer bleibt in seiner tölpelhaft unterkühlten Sportlermanier - er lässt vor dem Spiel tatsächlich die Schulterblätter rotieren! - bloß eine Sockelfigur für den allseits unverstandenen Wahnspieler.

Die Dialoge hat Peschina ein wenig befremdlich auf Pointe hin geschrieben, um dann umso ernster pathetisch zuzuschlagen, wenn's um psychische Untiefen geht. Da scheut man auch nicht, ein sich gespenstisch schnell drehendes Schachbrettmuster auf Stoffbahnen zu projizieren. (DER STANDARD, Printausgabe, 10./11.7.2004)

Von
Margarete Affenzeller
Alle Vorstellungen ausverkauft.
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    An Bord nach Rio: Etliche Figuren in der Dramatisierung von Stefan Zweigs "Schachnovelle" sind bloß Staffage.

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