Das Erdbeben von Lissabon und das Jüngste Gericht

9. Juli 2004, 18:55
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Harnoncourt dirigierte bei der styriarte Telemanns Endzeitvision

Graz - Die styriarte hat unter ihrem diesjährigen Motto Von Zeit zu Zeit auch eine Endzeit-vision angeboten: Das Oratorium Der Tag des Gerichts von Georg Philipp Telemann, das Nikolaus Harnoncourt in der Helmut-List-Halle zur umjubelten Aufführung brachte.

Es ist ein eigenartiges Werk in mehrfacher Hinsicht. Zum einen ist es ein Zeugnis für die musikalische Erfindungskraft des Achtzigjährigen, der das "Singgedicht in vier Betrachtungen" dramatisch aufgeladen und den bisweilen auf Stelzen gehenden Text des Pastors Alers tonsymbolisch oder tonmalerisch verbildlicht hat. Schon in der Ouvertüre künden die Posaunen des Jüngsten Gerichts vom Bevorstehenden. Das die Ankunft Jesu anzeigende Rauschen im seltsamen Streichertremolo, der die Harmonie der Sphären störende Missklang, die einer unorientierten Welt geltenden metrischen Kühnheiten und der tanzende Jubel des Lobgesangs zum Schluss sind Merkzeichen dieser Inspiration.

Zum anderen ist das 1762 in Hamburg uraufgeführte Oratorium ein Zeitdokument, das auf der Höhe der Aufklärung den Glauben gegen Unglauben antreten lässt, die in einer Altarie personifizierte Vernunft sich aber auf die Seite des Glaubens schlagen lässt. Historischer Auslöser für dieses Jüngste Gericht war das Erdbeben von Lissabon, das noch in etlichen Textzeilen nachbebt, obgleich es bereits ein halbes Jahrzehnt zurücklag. Es wird nicht als das Weltende angesehen, aber gleichsam als Generalprobe dazu.

Drittens ist zu vermerken, dass Jesus Christus hier nicht als der Barmherzige und Verzeihende erscheint, als der er weithin verehrt wird, sondern als strenger Weltenrichter, der die ewig Verdammten von den Seligen trennt. Diesen wird aber in der vierten Betrachtung der breiteste Raum zugewiesen.

Die Aufführung offenbarte alle Qualitäten des Werkes: Harnoncourt und der Concentus Musicus, die Solisten Genia Kühmeier, die mit ihrem leuchtenden Sopran zu den aufsteigenden Sternen zählt, Elisabeth von Magnus (Mezzo) und Herbert Lippert (Tenor), beide langjährige Stützen in den vokalen Unternehmungen des Dirigenten, sowie Thomas Mohr als Bassist (sie transportierten in den Rezitativen und Arien die größte Menge der Worte, ließen sich aber auch im Quartett vernehmen) und der von Erwin Ortner instruierte Arnold Schoenberg Chor waren die Garanten dieses Erfolgs. (DER STANDARD, Printausgabe, 10./11.7.2004)

Von
Manfred Blumauer
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