Kopf des Tages: "Merlin" soll als CIA-Chef Wunder wirken

12. Juli 2004, 06:49
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Der Spitzname des lang gedienten, bis vor kurzem in der amerikanischen Öffentlichkeit allerdings weithin unbekannten neuen interimistischen CIA-Direktors lautet "Merlin": Offenbar werden von dem 61-jährigen Amateurzauberer, der am kommenden Montag nach dem Rücktritt des umstrittenen CIA-Chefs George Tenet die Zügel des ebenso umstrittenen amerikanischen Geheimdienstes übernimmt, Wunder wie von König Arthurs Magier erwartet.

John E. McLaughlin, von seinem Vorgänger als "Mann mit magischer Wärme, Humor, Weisheit und Anstandsgefühl" bezeichnet, hätte guten Grund, sich Zauberkräfte zu wünschen: Auf der einen Seite hat er es mit Terroristen zu tun, auf der anderen wird er inmitten eines bitteren Wahlkampfes von den Republikanern genauestens beäugt. Ob McLaughlin über genügend akrobatische Fähigkeiten verfügt, um sein Gleichgewicht in dem Balanceakt zu halten, den er während der nächsten Monate ausführen muss, ist derzeit noch fraglich.

Bisher gibt es nur Lobeshymnen für den Interims-Chef der US-Geheimbehörde – und das trotz der Nähe des langjährigen CIA-Analytikers zu seinem bisherigen Chef George Tenet, der seit längerem sowohl von den Demokraten als auch den Republikanern und zuletzt auch vom Geheimdienstausschuss des US-Senates aufs Schärfste kritisiert wurde.

Die Nähe zu Tenet könnte McLaughlin leicht zum Verhängnis werden: Sein Name wird nur selten genannt, wenn die Gerüchteküche kocht und über den Namen des Mannes spekuliert wird, der dann definitiv als CIA-Direktor installiert werden soll. Sogar Tenet bezeichnete McLaughlin nur als einen "großartigen interimistischen Direktor", nicht jedoch als "großartigen Direktor". Darüber hinaus hat Präsident George W. Bush offenbar bis jetzt noch keine Entscheidung über den definitiven CIA-Chef getroffen.

McLaughlin begann seine Karriere kurz nach der Beendigung seines Studiums an der Wittenberg University in Ohio und dann an der Johns Hopkins School of Advanced International Studies, wo er sich in erster Linie auf Europa konzentrierte. Nach drei Jahren Armeedienst – er diente 1968 und 1969 in Südostasien –, trat McLaughlin im Jahr 1972 in die CIA ein, wo er sich langsam, aber stetig an die Spitze arbeitete. Sein Arbeitsgebiet umfasste Europa, Russland und Eurasien. 28 Jahre nach seinem Arbeitsantritt wurde er im Jahr 2000 zum Vizedirektor der CIA ernannt.

Seine zukünftigen Aufgaben beschreibt McLaughlin folgendermaßen: "Unser Ziel ist die Entwicklung jener kreativen analytischen Fähigkeiten, die den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts entsprechen". Der 1942 in McKeesport, Pennsylvania, geborene McLaughlin ist verheiratet und hat zwei Kinder. (Susi Schneider/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10./11.7.2004)

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