Expertenblick als Mythos

10. Juli 2004, 20:30
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Architekturpsychologie entmystifiziert: Fachmann guckt nicht anders als der Laie

Wien - Mit dem Mythos des so genannten Expertenblicks räumt eine Studie des Umweltpsychologen Alexander Keul vom Institut für Architektur und Entwerfen der Technischen Universität (TU) Wien auf. Experimente mittels Eyetracker haben nämlich ergeben, dass Architekten ein Gebäude vorerst nicht anders betrachten als Laien. Die Untersuchung wurde bei einem Symposium der International Association for People-Environment Studies (IAPS) an der TU in Wien präsentiert.

Ein Eyetracker ist eine Vorrichtung aus Kameras und Computer, mit der genau ermittelt werden kann, wohin eine Testperson gerade ihren Blick richtet. Die Punkte, welche die Person während eines bestimmten Zeitraums fixiert, können aufgezeichnet und später ausgewertet werden. Für die Studie wurden einerseits Architekten und andererseits Laien mit Bildern konfrontiert, auf denen etwa ein neues Haus, eine Terrasse, Gartenmöbel oder eine Landschaft zu sehen waren.

Ergebnisse

Die Auswertung ergab, dass die Architekten etwa das Gebäude nicht - wie man erwarten könnte - systematischer betrachteten als die Laiengruppe. Sie schweiften zwischendurch genau so ab, um etwa einen Baum zu betrachten. "Es gab zwar erkennbare Unterschiede unter den Testpersonen, die Architekten stachen dabei aber nicht durch eine besondere Betrachtungsweise heraus", erklärte Keul.

Deutliche Unterschiede fanden die Psychologen dann aber bei einer anschließenden Befragung der Testpersonen. Die Experten - also die Architekten - berichteten wesentlich systematischer von bestimmten Merkmalen der Bilder. Man könnte also sagen, der Expertenblick liege nicht im Auge des Betrachters, sondern im Gehirn, bei der Verarbeitung des Gesehenen.

Architekturpsychologie

Die Architekturpsychologie ist eine in Mitteleuropa relativ junge Wissenschaft. "Lange weigerten sich Architekten bei ihren Plänen, andere Experten zu Rate zu ziehen", berichtete Keul. Doch die Zeiten haben sich geändert, für Aufträge bewerben sich immer mehr Büros. Die Psychologen greifen zwar nicht direkt in die Gestaltung der Gebäude ein. Sie können aber mithelfen, dass etwa durch die Gestaltung des Umfeldes die sozialen Reaktionen auf ein Vorhaben von Anfang an positiver ausfallen. (APA)

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IAPS
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