Martina Navratilova übt scharfe Kritik an Bush-Politik

21. September 2004, 13:35
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"Keine Demokratie" - Altmeisterin verteidigt Fehlen der US-Topstars in Innsbruck: "Wäre ich an ihrer Stelle, würde ich es auch nicht tun"

Innsbruck - Die große Lady des Tennis, Martina Navratilova, die am Sonntag im Doppel mit Lisa Raymond im Fed-Cup-Viertelfinale gegen Österreich für einen Fixpunkt für die USA sorgen soll, brach eine Lanze für die in Innsbruck fehlenden US-Top-Stars, allen voran die ursprünglich avisierte Venus Williams. Der dichte Turnierplan und der zusätzliche Europa-Trip zu den Olympischen Spielen hätten da wohl eine Rolle gespielt.

"...es ist eine lange Saison"

"Ich weiß nicht, wie es ihnen geht, aber es ist eine lange Saison. Ich glaube, wenn ich an ihrer Stelle wäre, würde ich entweder Fed Cup oder Olympia spielen, aber nicht beides", sagte die 47-jährige US-Amerikanerin. Das frühe Wimbledon-Aus von Venus Williams sei wohl kein Grund gewesen. "Aber eine Woche länger in Europa bleiben, dann zurück in die Staaten fliegen, um in San Diego zu spielen und danach vielleicht Montreal, Athen und wieder zurück auf die US-Hartplatztour... Ich würde es nicht tun", zeigte Navratilova Verständnis.

Hat der Fed Cup nicht mehr den nötigen Stellenwert bei den Spielerinnen? "Der Verband wechselt ständig den Austragungsmodus, man muss einmal bei einem bleiben. Für die Spielerinnen ist es besser, alles in einer Woche zu spielen. Aber für den Sport ist es besser, den Fed Cup über das Jahr zu verteilen und so kann das Tennis auch an einen Platz wie diesen kommen. In der ersten Runde haben wir in Slowenien gespielt, Venus Williams würde sonst wohl nie in Slowenien spielen", sieht die 167-fache Einzelturniersiegerin beide Seiten.

"Die Spielerinnen sind immer mehr verletzt"

Schon seit 20 Jahren fordere sie ein früheres Saison-Ende, aber es gibt eher ein dichteres Programm als früher. "Und jetzt seht ihr das Resultat, die Spielerinnen sind immer mehr verletzt. Es ist jetzt über ein Jahr her, dass alle Top-Spielerinnen zur gleichen Zeit fit waren." Derzeit gibt es deshalb laut "Nav" nicht einmal eine richtige Nummer eins. "In diesem Jahr geht es vielleicht zwischen Henin-Hardenne und Scharapowa. Serena ist ein bisschen eingerostet. Es ist völlig offen, wer Ende des Jahres Nummer eins ist."

Für den Fed Cup in Innsbruck sieht sie ihr Team trotz der Ausfälle als klaren Favoriten. "Auf dem Papier. Aber Österreich hat Heimvorteil. Sie werden hier sicher besser spielen als zuletzt. Chanda (Rubin) hat nicht viel gespielt. Die Ausgangssituation ist viel ausgeglichener als auf dem Papier."

Auf Kritik in Wimbledon, ob es ein gutes Zeichen für das Damentennis sei, wenn eine 47-Jährige die zweite Runde erreicht, reagiert sie cool. "Eine Woche vorher habe ich in Eastbourne sogar eine Top-20-Spielerin geschlagen. Niemand hatte damit ein Problem. Schaut doch einfach auf nur auf die Bälle, die ich spiele und nicht darauf wie alt ich bin."

"Wir haben eine Medienkontrolle"

Vor bereits 23 Jahren wurde Navratilova nach langer Wartezeit US-Bürgerin, doch mit dem politischen Bild ihrer Wahlheimat in der Welt ist sie unglücklich. "Die letzten vier Jahre waren ein Desaster für uns." Sie habe im vergangenen November mit jemanden aus der Fed-Cup-Delegation eine politische Diskussion gehabt wegen des Irak-Krieges. "Heute sagte er mir, der Präsident hatte falsche Informationen. Und ich sage ihm darauf: Und auf Basis von falschen Informationen führen wir Kriege?"

Die Welt beobachte die Vorgänge in den USA viel genauer als die Amerikaner selbst. Allerdings bekomme der Rest der Welt auch viel bessere Informationen. "Wir haben eine Medienkontrolle in den Staaten. Was geschrieben wird, was der Reporter antwortet. Alles wird zensuriert und kontrolliert. Wir sind eine Demokratie, aber diese wird nicht praktiziert, und das ist deprimierend", lässt sich Navratilova aus. Und wie zum Beweis fragt die US-Pressedame nach dem Interview für wen man schreibt, wann der Artikel erscheint. Und das Interview wurde selbstverständlich auch von ihr mitgeschnitten, was sonst eher unüblich ist.

Ihre europäischen Wurzeln verleugnet die gebürtige Pragerin keineswegs, sie besucht ihre Mutter in Tschechien ebenso wie ihre Schwester, die in Schweden lebt, regelmäßig. Und mit Jahresende wird die Rekord-Grand-Slam-Siegerin noch mehr Zeit dafür haben, denn dann fällt der endgültige Vorhang hinter ihrer Karriere. Sagt sie zumindest derzeit.(APA)

  • Navratilova trainiert in Innsbruck.

    Navratilova trainiert in Innsbruck.

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