10. Todestag des "kritischen Zeitbeobachters"

19. Juli 2004, 18:52
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Robert Jungk polarisierte als Zukunftsforscher, Präsidentschaftskandidat und Friedenskämpfer

Salzburg - Am 14. Juli 1994 ist der Zukunftsforscher, Präsidentschaftskandidat und Friedenskämpfer Robert Jungk, der sich selbst lieber als "kritischen Zeitbeobachter" bezeichnet sah, nach schwerer Krankheit im Alter von 81 Jahren im Salzburger Diakonissen-Krankenhaus gestorben. An ihm schieden sich die Geister: Gegner bewerteten den österreichischen Publizisten und Zukunftsforscher Robert Jungk als Fanatiker wider die Atomenergie und den technologischen Fortschritt. Seine Anhänger wieder sahen in ihm einen weitsichtigen Mann, der als einer der ersten nicht nur die physikalischen Risiken der Kernenergie, sondern auch die gesellschaftspolitischen Gefahren des "Atomstaates" schon in den 50er Jahren erkannt hatte.

Emigration

Der am 11. Mai 1913 in Berlin geborene Sohn eines Künstlerpaares, der sich früh in der deutsch-jüdischen Schülerbewegung und beim sozialistischen Schülerbund engagierte, musste 1933 Deutschland verlassen. Er studierte zunächst an der Pariser Sorbonne Psychologie und Soziologie und arbeitete daneben an Filmen der Regie-Giganten G.W. Pabst und Max Ophüls mit. Nach seiner Ausbürgerung aus Deutschland war er als Korrespondent u.a. für den Londoner "Observer" und die Zürcher "Weltwoche" in Prag, Bern, Zürich und London tätig. Während der Krieges arbeitete er bei mehreren Widerstandsgruppen. Daneben fand er noch Zeit, sein Studium zu beenden: 1944 promovierte er in Zürich zum Dr.phil. Jungk nahm 1950 die amerikanische, 1967 die österreichische Staatsbürgerschaft an.

Publikation

Großes Aufsehen erregte Jungk mit dem 1952 veröffentlichten Buch "Die Zukunft hat schon begonnen". Darin setzt er sich kritisch mit den Einflüssen der hoch entwickelten Technik auseinander. Zu den einschneidendsten Erlebnissen in seinem Leben gehörten seine Reisen nach Hiroshima. Ein älteres Ehepaar, das durch die Atomstrahlung an Leukämie erkrankt war, hätte ihn, erzählt er, damals gefragt, warum Menschen, die solche Bomben erfinden, sich keine Gedanken über die Folgen machten. Damals habe er sich entschlossen, "nicht immer hinter den neuesten Nachrichten herzurennen", sondern sich mit langfristigen Perspektiven zu befassen, beschreibt Jungk seine Entwicklung zum Zukunftsforscher. Im Jahr 1964 gründete er sein "Institut für Zukunftsfragen" in Wien.

Engagement in der Friedensbewegung

Schon in den 50er Jahren engagierte sich der weißhaarige Mann mit den buschigen Augenbrauen - unterstützt von seiner Frau Ruth - gegen die Atomkraft. In der Friedensbewegung galt er als einer der führenden Köpfe. Sein Einsatz brachte Robert Jungk immer wieder in Konflikt mit dem Gesetz, etwa 1987, als er in der BRD wegen einer Blockade des US-Raketendepots in Mutlangen der Nötigung schuldig gesprochen wurde. Im Dezember 1986 wurde ihm in Stockholm der Alternative Nobelpreis verliehen, im selben Jahr stiftete Jungk in Salzburg die weltweit erste "Bibliothek für Zukunftsfragen". 1990 wurde er in die Berliner Akademie der Künste aufgenommen. 1992 trat Jungk schließlich als überparteilicher, von den Grünen unterstützter Kandidat für das Amt des österreichischen Bundespräsidenten an und erreichte im ersten Wahlgang 5,71 Prozent der Stimmen.

Die gerichtlichen Auseinandersetzungen, die Jungk im Zusammenhang mit seinem Präsidentschaftswahlkampf mit dem damaligen FPÖ-Chef Jörg Haider und "Krone"-Kolumnist Richard Nimmerrichter ("Staberl") führte, konnte er für sich entscheiden. Haider hatte in einer "Pressestunde" behauptet, Jungk habe während seines Exils in der Schweiz eine "Jubelbroschüre" für das Dritte Reich verfasst, und wurde dafür zum Widerruf im ORF verurteilt. Auch "Staberl" und die "Kronen Zeitung" wurden für die Behauptung der "schwulstigen Jubelmeldung" zur Unterlassung und einer Widerrufserklärung verurteilt. (APA)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Robert Jungk, undatiertes Archivbild

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