Übersehene Hormonstörungen nach Hirnverletzungen

10. Juli 2004, 20:00
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Hypophyse kann vor allem nach Schädel-Hirn-Trauma geschädigt sein

Bochum - Nach Unfällen mit Hirnverletzungen kommt es häufig zu schweren Hormonstörungen, die meist übersehen werden. Die möglichen Folgen reichen von Depressionen über Leistungsverlust bis hin zu einem lebensbedrohlichen Ausfall der Kortisonbildung. Nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie in Bochum zeigt eine neue Studie, dass solche Störungen weitaus häufiger sind als bisher angenommen.

Vor allem bei einem Schädel-Hirn-Trauma kann den Experten zufolge die so genannte Hypophyse geschädigt werden. Sie ist die wichtigste Hormondrüse des Körpers, die die Nebennierenrinde und die Schilddrüse steuert, die Funktion der Fortpflanzungsorgane beeinflusst und selbst Wachstumshormone bildet.

Auswirkungen

Ein Ausfall der Drüse kann in all diesen Bereichen Auswirkungen haben: Ein Mangel an Wachstumshormonen führt zu Leistungsabfall und Konzentrationsstörungen. Schäden der Schilddrüse können Depressionen, Müdigkeit und Lethargie zur Folge haben. Der Verlust verschiedener Sexualhormone äußert sich manchmal in einem Verlust der Achsel- und Schambehaarung. Ein völliger Ausfall der Kortisonbildung in der Nebennierenrinde kann zum Tod führen.

Aufforderung zur Überprüfung des Hormonstatus

Bisher war die Medizin davon ausgegangen, dass eine solche Schädigung der Hypophyse eine seltene Komplikation des Schädel-Hirn-Traumas ist. Doch nach Angaben des Wissenschaftlers Günter Stalla vom Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München könnte bei mindestens 30 Prozent der Patienten mit Schädel-Hirn-Trauma eine solche Hormonstörung nachgewiesen werden - wenn die Ärzte danach suchen würden. Auf Deutschland bezogen seien dies bis zu 80.000 Fälle im Jahr, von denen die meisten unerkannt blieben.

Die Gesellschaft für Endokrinologie fordert daher alle Ärzte auf, bei Patienten mit Hirnverletzungen den Hormonstatus zu überprüfen. Dies sei auch lange Zeit nach dem Unfall wichtig. Denn eine Schädigung der Hypophyse mache sich manchmal erst drei bis zwölf Monate später bemerkbar. (APA/AP)

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