Als die Eisenbahn klettern lernte

14. Juli 2004, 09:29
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Während Politiker um den Semmering-Tunnel streiten, zelebriert man das 150-Jahresjubiläum mit einer Schau auf Schloss Reichenau

Während Politiker und Juristen weiter um einen Bahntunnel durch den Semmering streiten, zelebriert man in der Region das 150-Jahresjubiläum der erstmaligen Überquerung des Berges auf Schienen. Etwa im Rahmen einer Schau auf Schloss Reichenau.

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Reichenau a. d. Rax - Der Semmering, so weiß Helmut Lackner, galt damals als viel zu steil. Zu steil, zu schroff für die österreichisch-ungarischen Bahnstreckenplaner des 19. Jahrhunderts - bis ihnen amerikanisches Beispiel neue Möglichkeiten wies.

"Vor seinem Amerikabesuch sah Carl Ghega keinen Weg, um Steigungen von mehr als 20 Promille ohne Zahnräder zu überwinden", erläutert der Organisator der Ausstellung "Faszination Semmeringbahn", die seit sechs Tagen und bis 2. November 2004 am Fuße des hohen Berges in Schloss Reichenau zu besichtigen ist. Nach seiner Atlantikfahrt hingegen habe der Semmeringbahnerbauer ohne Schulterzucken Steigungen von 25 Promille in den Streckenverlauf eingeplant: Nach Vorbild der Eisenbahn über die Rocky Mountains.

Hunderte Arbeiter erlagen Seuchen

Die Geschichte des gewaltigen Infrastrukturprojekts über den östlichsten Alpenpass und die Geschichte der lebensgefährlichen Bauarbeiten - Hunderte Arbeiter erlagen Seuchen - bilden die beiden Teile von Lackners Schau. Anlass ist das 150-Jahre-Jubiläums der pittoresken Bergstrecke und die Exponate stammen großteils aus dem Technischen Museum, wo Lackner Vizedirektor ist.

Archiv-"Highlights"

Dort durchforstete man eigens und erstmals die vom früheren Eisenbahnmuseum übernommenen Eisenbahnarchive. Und wurde fündig: Die hervorgekramten 14 Farblithographien des Malers Emmerich Benkert-Klause aus den Jahren 1852 bis 1853 über Stationen des Semmeringbahnbaus gehören laut Lackner zu den "Highlights" der Ausstellung.

Einer Ausstellung, die in dem um 2,5 Millionen Euro renovierten Schloss Waißnix an den Besuchererfolg der Landesausstellung im vergangenen Jahr anknüpfen möchte. Rund 30.000 Menschen, so betont der Reichenauer Bürgermeister Hans Ledolter (VP), waren 2003 zur Schau "Theaterwelt - Weltheater" nach Reichenau gekommen. Doch "es ist immer schwierig, für eine Nachnutzung zu sorgen", weiß Lackner, der in ganz Österreich schon eine reihe von Landesausstellungen mitorganisiert hat.

Als besonders problematisch habe sich dies zum Beispiel im Kärntner Hüttenberg herausgestellt. Dort hatte der Architekt Günther Domenig für die Landesausstellung 1994 eine Stahlkonstruktion inmitten der Industriearchitektur eines Bergwerks platziert: Die Schau endete, der Bau blieb großteils ungenutzt.

In Reichenau werde sich das sicher nicht wiederholen, meint dazu Ortschef Ledolter: Das Schloss stehe der Bevölkerung - etwa für Konzerte - auch in der kalten Jahreszeit offen - "und in Kooperation mit dem Wiener Theatermuseum planen wir Begleitausstellungen zum Reichenauer Theatersommer - mit einem Schwerpunkt auf Arthur Schnitzler". (Irene Brickner, DER STANDARD Printausgabe 9.7.2004)

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    Nach seiner Atlantikfahrt hat Carl Ghega ohne Schulterzucken Steigungen von 25 Promille in den Streckenverlauf eingeplant: Nach Vorbild der Eisenbahn über die Rocky Mountains

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