Lindh-Mörder muss in die Psychiatrie

9. Juli 2004, 20:33
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Mijailovic wurde zu lebenslanger Haft verurteilt, nun muss er aufgrund eines Berufungsurteils in eine psychiatrische Anstalt.

Mijailo Mijailovic, wegen des Mordes an der schwedischen Außenministerin Anna Lindh zu lebenslanger Haft verurteilt, muss aufgrund eines Berufungsurteils in eine psychiatrische Anstalt.

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Stockholm - Der für den Tod der schwedischen Außenministerin Anna Lindh verantwortliche Attentäter wird in eine psychiatrische Einrichtung überwiesen. Ein Berufungsgericht in Stockholm bestätigte am Donnerstag zwar Mijailo Mijailovics Schuld, hob die in der ersten Instanz verhängte lebenslange Gefängnisstrafe wegen Mordes aber auf. Je nachdem, wie die Psychotherapie an ihm verläuft, könnte Mijailovic aber doch lebenslang hinter Gittern bleiben.

In erster Instanz war das Gericht auf der Grundlage psychologischer Gutachten, die den Angeklagten für durchaus schuldfähig erklärten, dem Antrag des Staatsanwalts gefolgt und hatte Mijailovic zu lebenslanger Haft wegen Mordes verurteilt.

Borderlinesyndrom

Der Sohn serbischer Einwanderer hatte die 46-jährige Sozialdemokratin Lindh im September 2003 in einem Stockholmer Kaufhaus mit mehreren Messerstichen tödlich verletzt. Mijailovic hatte die Tat gestanden, aber eine Tötungsabsicht gegen die Mutter zweier Kinder bestritten.

Mijailovic leide entweder an einer Psychose oder an einer Persönlichkeitsstörung in der Art des Borderlinesyndroms, heißt es in der jetzigen Begründung des Urteils des Stockholmer Hofgerichts. Das Berufungsgericht erklärte nun einstimmig, es sei nach Befragung mehrerer Experten eindeutig, dass der 25-Jährige "ernsthafte psychische Probleme" habe.

"Pervers brutal"

Mijailovic hatte vor Gericht ausgesagt, er habe Lindh auf Anweisung innerer Stimmen getötet. "Ich sah Anna Lindh, und dann kamen die Stimmen und sagten, ich solle sie angreifen. Ich konnte den Stimmen nicht widerstehen. Ich glaube, es war Jesus, der mich erwählte." Das Messer habe er bei sich gehabt, weil er sich als "totaler Verlierer" bedroht gefühlt habe, sagte Mijailovic, der vor der Tat psychiatrische Hilfe gesucht hatte.

Laut der Schilderung von Lindhs Freundin, die die Ministerin bei ihrem Einkaufsbummel begleitet hatte, stach der Mann besonders brutal zu. "Das war schon fast pervers", sagte sie vor Gericht. Lindh starb einen Tag nach dem Angriff an ihren schweren Verletzungen.

Gutachten fielen widersprüchlich aus

Die psychiatrischen Gutachten beim ersten Prozess fielen widersprüchlich aus. Der nun im Berufungsprozess herangezogene Psychiater empfahl, Mijailovic in eine geschlossene Anstalt einzuweisen. In der ersten Instanz war er dagegen für voll schuldfähig erklärt worden.

Im Mai dieses Jahrs war die ermordete Außenministerin in ihrer Heimat posthum zur "Europäerin des Jahres" erklärt worden. Anna Lindh wurde damit für ihr Engagement für die EU-Erweiterung geehrt. Sie hatte sich auch sehr für die Einführung des Euro-Bargelds in Schweden eingesetzt. (AFP, AP, Reuters, DER STANDARD Printausgabe 9.7.2004)

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    In erster Instanz wurde Mijailo Mijailovic als durchaus schuldfähig erklärt und zu lebenslanger Haft wegen Mordes verurteilt

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