Geistesblitze aus den Scheitellappen

14. Juli 2004, 13:01
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Wissenschafter können Talente aus den Hirn­windungen herauslesen - ein Beispiel lieferte San­dra Witelson mit der Sezierung von Einsteins Hirn

Düsseldorf/Graz - Warum tun sich manche Leute beim Lernen schwer? Und weshalb werden andere geniale Musiker oder Physiker? Mit solchen Fragen beschäftigt sich die Anatomin Katrin Amunts an der Universität Düsseldorf. Sie präpariert die Denkorgane Verstorbener und seziert sie.

Tausende von Gehirnen lagern im Keller des Oskar-Vogt-Instituts. Amunts erhofft sich davon Erkenntnisse über die Grundlagen von Intelligenz und Begabung. Eine wichtige Kenngröße scheint das Gewicht zu sein: Ein männliches Hirn wiegt 1350 Gramm, ein weibliches etwa 100 Gramm weniger. Bei Intelligenztests schneiden Frauen aber oft besser ab als Männer. "Trotzdem spielt das Gewicht eine Rolle", sagt Amunts: "Bei weniger als 1000 sowie über 1750 Gramm nimmt der Anteil der Schwachsinnigen zu."

Tiefe der Gehirnfurchen

Wie stark die Gehirnfurchen ausgeprägt sind, scheint wiederum eng mit Talenten zusammenzuhängen. Amunts stellte fest, dass der "Sulcus centralis" (Zentralfurche zwischen Stirn- und Scheitellappen) bei Musikern tiefer ist als bei anderen Berufsgruppen - und zwar ab dem Beginn der musikalischen Ausbildung.
Sandra Witelson von der McMaster Universität in Ontario in Kanada wiederum hat das Hirn Albert Einsteins seziert: Beeindruckt war sie von der enormen Ausprägung der beiden unteren Scheitellappen des Physikers: "In dieser Region ist Einsteins Hirn um 15 Prozent breiter als alle Vergleichsgehirne." Diese Areale oberhalb der Ohren sind für räumliches Vorstellungsvermögen und mathematisches Denken zuständig.

"Oarietalen Opercula" fehlten

Witelson staunte jedoch nicht schlecht, als sie bemerkte, dass bei Einstein die "parietalen Opercula" (wulstartige Hirnwindungen in den Scheitellappen, deren genaue Aufgabe noch näher erforscht werden muss) komplett fehlen. Möglicherweise hat die Anomalie bewirkt, dass sich das Verhältnis der Stützzellen (Gliazellen) und der Nervenzellen in Einsteins Scheitellappen zu Gunsten der Gliazellen verschoben hat, vermutet sie. Man geht davon aus, dass ein hoher Gliazellen-Anteil für eine besonders intensive Gehirnaktivität spricht. Offen bleibt allerdings, ob Besonderheiten von Einsteins Hirn das Resultat seiner intensiven Forschungstätigkeit sind oder die Voraussetzung für seine geistigen Höhenflüge.

Rüdiger Seitz, Neurowissenschafter an der Universität Düsseldorf, fahndet nach dem Sitz der Allgemeinen Intelligenz. Mit der Positronen-Emissions-Tomographie (PET) beobachtete er die Intensität des Stoffwechsels in den Hirnarealen. Probanden bekamen leichte und schwere Aufgaben zu räumlichem Denken und Wortschatz.

Schwierige Knobeleien

Seitz konnte nachweisen, dass die Aktivierung in den Hirnarealen für räumliches Denken - vor allem in den Scheitellappen - nicht vom Schwierigkeitsgrad der Aufgabe abhängen. Hingegen flackerten bei den anspruchsvolleren Knobeleien zum räumlichen Denken zusätzlich völlig andere Hirnareale im Stirnlappen auf. Und interessanterweise stieg der Stoffwechsel im linken, seitlichen Stirnlappen auch an, wenn die komplizierten Aufgaben nichts mit räumlichem Denken zu tun hatten. "Ein klarer Hinweis, dass es sich um neuronale Strukturen für allgemeine Intelligenz handelt", sagt Seitz.

Aljoscha C. Neubauer, Psychologe an der Universität Graz, vertritt eine andere Theorie: Mit der Elektroenzephalografie (EEG) zeigte er, dass die Gehirne intelligenter Menschen effizienter arbeiten. "Intelligente Hirne schonen ihre Ressourcen", sagt der Experte: "Menschen mit geringerer Intelligenz fahren hingegen offensichtlich auch Areale hoch, die für die Aufgabenlösung nicht nötig wären."

Ob man eines Tages mit Gehirndurchleuchtungen Intelligenz und Begabungen einschätzen wird? Katrin Amunts ist zuversichtlich: "Ich kann mir Berufsberatung auf dieser Basis durchaus vorstellen." (Till Hein/DER STANDARD, Printausgabe, 9.7.2004)

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