Langusten und Legenden

12. Mai 2005, 10:27
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Mit Mythen und Meerestieren hat es Galicien weit gebracht. Mit Textilindustrie und Tourismus beginnt jetzt eine maritime Moderne, die die alten Geister leben lässt

20.000 Meilen über Kapitän Nemos U-Boot "Nautilus" ließ der spanische Diktator Franco auf einer kleinen Insel ein Gefängnis für politische Häftlinge errichten. Gegenüber entstand eine neue Siedlung - bewohnt von den Familien der Inhaftierten. Heute gibt es auf dem Eiland San Simón weder über noch unter Wasser Gefangene, es sind höchstens ein paar versprengte Touristen, die von der galicischen Hafenstadt Vigo aus einen Abstecher nach San Simón machen.

Die Geschichten um das Inselchen bei Vigo stehen in mancherlei Hinsicht für Galicien. Für das Mythische, das bereits den frühen Reisenden Jules Verne inspirierte, der seinen Eremiten hier im Meer versenkte. Für die Gleichzeitigkeit von romantischer Landschaft und hartem Überlebenskampf und dafür, dass sich die Bewohner des äußersten Westens Europas nicht unterkriegen lassen. Nicht von Diktatoren und auch nicht von Ölkatastrophen wie nach dem Untergang der "Prestige" im Jahr 2002.

Galicien ist abgelegen

Im Norden und Westen wird die Region vom Atlantik begrenzt. Südlich der Hafenstadt La Coruña liegt das Kap Finisterre, das Ende der Welt. Dazwischen erstreckt sich die Costa da Morte, die Küste des Todes. Hinter dem Atlantik mit seinen Meeresfrüchten beginnt das fruchtbare Hinterland. Doch weder mit Fisch noch mit Vieh ist leicht Geld zu verdienen. Die Fischerei in den rauen Gewässern ist ein gefährlicher Job. Und das Muschelsammeln im Flachwasser ist mühselig. Das grüne Landesinnere ist berühmt für seine Geisterdörfer, unbewohnte Siedlungen, deren frühere Bewohner die Landwirtschaft mangels Ertrags aufgegeben haben.

"Galicien ist ein Land, das schon im Alltag genügend Motive findet, um eine Parallelwelt aus Tradition und Fantasie zu schaffen", beschreibt der galicische Autor Pemón Bouzas die Eigentümlichkeit seiner Region. Es ist aber nicht einfach ein in vergangenen Zeiten versunkener, etwas morbider Landstrich mit einer abergläubi- schen katholischen Bevölkerung und einer eigenen Sprache, dem Gallego. Galicien ist auch durchaus modern.

Hafenstadt La Coruña

Von der schicken Hafenstadt La Coruña aus, früher vor allem für Schiff- und Eisenindustrie bekannt, versorgt das Unternehmen Inditex ganz Europa mit Zara und anderen Textilketten. In Vigo, der zweiten großen Hafenstadt weiter südlich, versuchen die Stadtpolitiker mit Kulturprojekten zur Förderung galicischer Kunst und Altstadtrenovierungen der abschreckenden Wirkung von Fischgestank und Verkehrslärm entgegenzuwirken. (Hier gibt es außerdem die frischesten Austern gleich auf der Straße im alten Fischerviertel.) Und in den sagenhaften Rías, den großen Buchten, die Galiciens Küste formen, lässt sich zwischen Traumstränden so gut essen, wie es eben nur an der Atlantikküste möglich ist - fangfrische Langusten, Seespinnen oder Entenmuscheln.

Der Unterschied zu anderen Gebieten ist vielleicht, dass in Galicien auch die alten Mythen den Sprung in die Moderne geschafft haben. Gott und Geister gehören bis heute dazu. In Santiago de Compostela dominiert Gott. Auf der Praza do Obradoiro, dem Platz vor der mächtigen Kathedrale, treffen pausenlos Pilger ein.

Die echten Pilger, die meisten etwas fußmarod, sind leicht erkennbar an Rucksäcken, Wanderstöcken und Jakobsmuscheln. Die anderen parken in einer der zahlreichen Tiefgaragen und gehen die letzten 100 Meter zu Fuß. Gemeinsam reihen sich dann Gläubige wie Ungläubige in die lange Schlange ein, um in der Kirche dem Apostel Jakob, auf Spanisch Santiago, die Hand aufzulegen. Nutzt es nichts, schadet es jedenfalls nicht. Und zumindest Galicien hat diesem Heiligen schon viel zu verdanken.

Wichtiges religiöses Zentrum

Neben Rom ist Santiago das wichtigste katholische Zentrum Europas und eine der wichtigsten Einnahmenquellen der Region. Mehr als 600.000 ausländische Touristen besuchten Galicien im Vorjahr, ein Großteil von ihnen kam nach Santiago de Compostela. Heuer werden es vermutlich noch mehr sein, denn es ist ein Heiliges Jahr - wie immer, wenn der 25. Juli, der Tag des Heiligen, auf einen Sonntag fällt.

Zwei große Mythen prägen Galicien. Der eine ist die Legende des heiligen Iago, genial vermarktet bereits vor Jahrhunderten als Christenschützer und Maurentöter, wiederentdeckt vor wenigen Jahrzehnten von Politikern als idealer Werbeträger für den Tourismus. Der zweite Mythos sind die Kelten - nicht so einträglich im Tourismus, aber genauso wichtig im Alltag.

Galicische Musik

Galicische Musik versteht sich als keltische Musik, der Dudelsack ist auch für junge Musiker wie den international erfolgreichen Carlos Nuñez unentbehrlich. Jeden Sommer findet ein keltisches Musikfestival in Ortigueira bei La Coruña statt. Auch die "meigas" haben bis heute überlebt. Sie sind die galicischen Hexen und berufen sich auf keltische Vorfahrinnen. Eine "meiga" ist das Gegenstück zum Druiden, eine gute Hexe, die Menschen helfen und heilen soll. Bis heute sind sie eine beliebte Anlaufstelle für Hilfesuchende und eine Konkurrenz für die katholische Seelsorge.

Castro de Baroña liegt unweit von Santiago an der Küste. Zum Strand dürfen hier nur Nackte, sagen die Wegweiser. Ein einziger Glücklicher durfte an diesem Strand ein Haus bauen, in schönster Einsamkeit. Die Bewohner der Nachbarsiedlung sind schon vor Jahrtausenden ausgezogen. Ein keltisches Castro, Wehrdorf, liegt gleich neben dem FKK-Strand. Zwischen den typischen Rundhäusern, deren Grundmauern noch zu sehen sind, picknicken Touristen und Schulklassen. Castro de Baroña ist zwar nicht das größte in Galicien entdeckte Keltendorf (das liegt auf dem Berg Santa Tegra), wohl aber der schönste Ort, um erste Kontakte mit den Kelten zu knüpfen.

Spur der Kelten

Für aufmerksame Galicien-Reisende sind die Spuren der Kelten unausweichlich. Hórreos - meist steinerne Maisspeicher, wenige Meter lang und auf Pfählen gebaut - sind die Wahrzeichen Galiciens. Auch wenn sie heute manchmal zweckentfremdet als Unterstand fürs Moped oder als Trockenraum für die Wäsche verwendet werden, sie stehen noch in den Gärten. Um sich das Wohlwollen welcher Geister auch immer zu sichern, tragen viele dieser Speicher sowohl das christliche Kreuz als auch das kegelförmige, keltische Symbol für Fruchtbarkeit.

Heidnischen Ursprungs sind auch die zahlreichen Wegkreuze. Früher waren dort Steine, wo sich angeblich die Hexen versammelten. Aber vielleicht verhält es sich mit der Allgegenwart der Kelten auch einfach so, wie der spanische Dichter und Denker Miguel de Unamuno meinte: "Der Großteil der Kelten-Faszination der Historiker und galicischen Forscher ist bloßer Schein und reine Dekoration, mit der die Lücken der Geschichte zugedeckt werden." Es sind vor allem literarische und weniger historische Zeugnisse, auf denen die galicische Geschichtsschreibung beruht. Das macht sie so unterhaltsam. Die Kelten waren hier, die Römer, die Sueben - und viele Helden.

Nicht nur der Apostel Jakob ist hier gestrandet, Herkules hat in La Coruña gegen den Giganten Gerion gekämpft (daran erinnert noch immer der Leuchtturm Torre de Hércules), und ein paar Ritter der Artusrunde haben in Galicien den Heiligen Gral gesucht. Wer will bei solchen Legenden noch nach historischer Authentizität fragen? Um eine Antwort wären die Galicier kaum verlegen. So wenig wie bei der häufigen Frage nach der Echtheit der Hexen. Die Replik ist meist dieselbe, eine Kurzformel des magischen Realismus in Galicien: "Ich glaube nicht an Hexen, aber es gibt sie." (Der Standard/rondo/9/7/2004)

Von Renée Lugschitz

Info

Galicien ist regenreich. Die beste, vergleichsweise trockenste Reisezeit ist im August und September. Galicisches Fremdenverkehrsamt: www.turgalicia.es;

Jakobsweg: www.xacobeo.es.
Vigo, Santiago de Compostela und La Coruña haben einen Flughafen, von Österreich aus gibt es keine Direktflüge. Spanisches Fremdenverkehrsamt: 1010 Wien, Walfischgasse 8 / 14,Tel.: 01 / 512 958-0
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    Die galicische Küste

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