Das Fräulein aus Linz

8. Juli 2004, 18:33
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Teil 30 von Ilse Aichingers Artikelserie "Schattenspiele"

Gabriel Marcel nennt E. M. Cioran einen der kühnsten und heftigsten Belastungszeugen, die je erschienen sind im Laufe des endlosen Prozesses zwischen den Menschen und der Welt oder Gott: "es gibt in der Tatsache, geboren zu sein, einen solchen Mangel an Notwendigkeit ..." Damit nicht genug Cioran, aber genug Klassik.

Zurück in die Provinz, die augenblicklich zu stark im Trend liegt, um mit sich ins Reine zu kommen. Die Chancen, Emma Schrack zu treffen, lagen nicht im Bereich Ciorans. Stattdessen in unserem. Meine Schwester und ich sollten eine Aufsichtsperson bekommen und wir bekamen die erstbeste. Das erfuhren wir damals nicht gleich, aber wir erfuhren vermutlich doch um einige Augenblicke zu früh das Phänomen Emma Schrack.

Sie war kurzfristig und auf Probe aus der Linzer Landesirrenanstalt entlassen worden und sie kannte offenbar vor allem die Griffe der Wärter. Wir hatten - unter der Donaubrücke angekommen - helle Streifen an den Handgelenken, die auch, als wir an der ziegelroten Herz-Jesu-Kirche umkehrten, nicht verschwanden. Sie waren nicht mehr wegzubringen und gaben uns einen Beweis unserer Existenz, der schwer zu überbieten war. Bei ihrem Ziel angelangt, ließ sie sich im Gras vor der Anstaltsmauer nieder und beachtete uns nicht weiter.

Wir begannen, die armseligen Blumen und Gräser zu pflücken, die offenbar mit dem schlechten, trockenen Boden, in dem ihre Wurzeln nicht lang haften konnten, ganz zufrieden waren. Durch die Lücken der Anstaltsmauer versuchten die freundlichen Irren, einen Blick auf die oberösterreichische Landeshauptstadt zu werfen, es wurde kein Überblick, aber sie waren genügsam. Emma Schrack war eingeschlafen, und es fiel noch lange kein Wort. Ein jüngerer Irrer begann zu kichern und fragte, ob es uns gut ginge, wir fragten nicht zurück. Wie wir beide waren sie nicht auf Antworten aus.

Es ging gegen Mittag, die Linzer Luft wurde wärmer, auch das Gras und die brüchige Mauer. Die Linzer Sonne stieg über den Linzer Himmel und es schien uns, als hielte sie dort kurz an. Die Irren wurden zum Essen gerufen, wir blieben mit der schlafenden Emma am Rand. Nach einer Weile stöhnte sie kurz, ehe sie weiterschlief. Kaum herauszufinden, wovon sie träumte und ob es Deutungen zuließ, Lesarten, Möglichkeiten, die Szene zu übersehen.

Der Blick auf Linz blieb, auf den Freinberg, den Pfennigberg, den Pöstlingberg und die breite, noch rasche graugrüne Donau. Blau war sie nicht. Und Schatten gab es wenig, auch wenig Spiele, der Hang war zu verlassen, die Luft zu wenig bewegt, die Sonne nicht hoch genug. Alles schien Cioran zu bestätigen: "Gegenüber jedwedem Erlebnis tritt der Geist als Spielverderber auf." Und: "Klarsicht ist das einzige Laster, das frei macht - frei in einer Wüste."

Könnte es sein, dass Linz, die Ratlosigkeit, die Irrenanstalt und ihre Mauer, die freundliche Zugewandtheit der Irren, die Freiheit fördert, den Überblick, und das Augenmaß, für den Moment oder doch für länger? Darauf sollte es nicht ankommen. Es liegt immer an der Verzweigung von Ort und Augenblick.

Es muss keine Spiele geben, keine Schatten, kein Verharren. Aber vielleicht sollte es freundliche Irre geben, um den unfreundlichen und primitiven Normalen das Wort aus dem Mund zu nehmen. (DER STANDARD, Printausgabe, 9.7.2004)

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