Der afrikanische Nathan

13. Juli 2004, 11:53
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Eine Parabel über die Intoleranz, orientiert an der Tradition des westafrikanischen Storytelling: Uraufführung von Peter Brooks "Tierno Bokar" bei der Ruhrtriennale

Im Ruhrgebiet findet auch noch Theater statt. Nachdem die Querele um die Entlassung Frank Castorfs als Leiter der Ruhrfestspiele nun juristischer Klärung zugeführt wird, hat die letzte Saison der 2002 aus der Taufe gehobenen Ruhrtriennale unter Leitung des scheidenden Gründungsintendanten Gérard Mortier Fahrt aufgenommen. Besondere Aufmerksamkeit war dabei der Uraufführung von Peter Brooks theatraler Recherche Tierno Bokar sicher.

Folgt man dem 79-jährigen Theaterweisen Brook auf seinen szenischen Recherchen durch Theatertraditionen und Volksmythen rund um die Welt, muss man westliche Theatervorstellungen zurückschrauben. Dies umso mehr, wenn er sich Afrika widmet, wie mit seiner neuen Produktion, die aus der Tradition des westafrikanischen Storytelling schöpft und sich diese in nahezu undramatischer Manier anzuverwandeln sucht.

Brooks Gefährtin Marie-Helène Estienne hat dafür den biografischen Roman des malischen Gelehrten und Schriftstellers Amadou Hampâté Bâ über Leben und Lehre des Tierno Bokar - Der Weise von Bandiagara adaptiert. Hampâté Bâ (1900-1991) war nicht nur Historiker, Ethnologe und Literat, sondern auch Mitglied des Exekutivrats der Unesco, in dem er sich entscheidend für Programme zur Erforschung der mündlichen Überlieferungen der Völker Westafrikas einsetzte. Bokar lebte zur Zeit des Kolonialismus und hier ist auch die Romanbiografie angesiedelt: Weil ein islamischer Geistlicher beschlossen hat, ein bestimmtes, rosenkranzähnliches Gebet nur elfmal statt zwölfmal in Folge zu beten, wie es die Tradition fordert, entsteht Hass unter den Anhängern der Glaubensrichtung. Tierno Bokar aber predigt Toleranz. Dramatisch spitzt sich die Situation zu, als sich die französische Kolonialverwaltung einmischt und - um Aufruhr zu vermeiden - die Lehre der zwölf Gebete stützt . . .

Brook benutzt diese - entgegen der afrikanischen Tradition - aufgeschriebene Geschichte, um sie über das Spiel wieder als erzählte Geschichte zu vergegenwärtigen. Dazu wählt er eine Mischform aus von einem Erzähler referierten Prosapassagen, Berichten einzelner Figuren und Spielszenen. Um die Universalität der Geschichte und ihrer Missverständnisse zu verdeutlichen, wird die Besetzung der Rollen beliebig gewählt. Nur die Figur des Tierno Bokar spielt allein der wundervolle Marabut Sotigui Kouyaté, dem es gelingt, die religiösen Weisheiten Bokars mit seinen sprachlichen Modulationen zu überhöhen, zu transzendieren: "Es gibt drei Wahrheiten: meine Wahrheit, deine Wahrheit und ,Die' Wahrheit. Die Wahrheit gehört niemandem: sie ist im Zentrum."

Darin legt Brook einen buddhistisch anmutenden Kern des Islam frei, höhnisch konterkariert durch den dogmatischen Konflikt um die Gebetszahl, welche in Hinrichtungen mündet. Doch Brooks philosophisches Spiel über den Kern der Religionen, Intoleranz und das Gegeneinander der Kulturen bleibt reflexiv, in sich zurückgezogen. Auch der Gehalt ist dem aufgeklärten Mitteleuropäer als Botschaft des Humanismus vertraut. So verliert Naivität ihren Zauber, Weisheit ihre Faszination, wenn ihnen Rhythmus, Atem, Spielkraft über zwei Stunden heimlich, still und leise abhanden kommen.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9. 7. 2004)

Rolf C. Hemke aus Duisburg
  • Theater als Ort des Erzählens: Im Zentrum Marabut Sotigui Kouyaté in der Titelrolle von Peter Brooks bei den Ruhrfestspielen uraufgeführtem Spiel "Tierno Bokar"
    foto: ruhrtriennale

    Theater als Ort des Erzählens: Im Zentrum Marabut Sotigui Kouyaté in der Titelrolle von Peter Brooks bei den Ruhrfestspielen uraufgeführtem Spiel "Tierno Bokar"

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