"The Seconds": Ein Wirbelsturm über dem Trailerpark

13. Juli 2004, 18:56
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Die New Yorker Postpunk-Erbverwalter begeisterten im Flex

Wien - Der Name ist Programm: Auf ihrem Debütalbum Y rast die US-Band The Seconds in kurzen 23 Minuten durch elf heftige Songs. Man muss also nicht in technischer Mathematik abgeschlossen haben, um festzustellen, dass hier keine Zeit bleibt, Gefangene zu machen: Rein in die Bude - und abgeräumt!

Dieses Arbeitsethos übertrug das Trio am Mittwochabend auf das Wiener Flex. Nachdem die Vorband The Now Unit beweisen durfte, dass das Werk der New Yorker Techno-Pioniere Suicide nun auch in den Dorfdiscos der schönsten Alpentäler bekannt ist, betraten die Bassistin Jeannie Kwon, Schlagzeuger Brian Chase (von der artverwandten New Yorker Formation Yeah Yeah Yeahs!) und Zach Lehrhoff die Bühne, um jene Zeit zu beschwören, die spätestens seit dem Auftauchen von Revivalbands wie The Rapture wieder ein paar Dollars abwirft - die des Postpunk.

Ein Abkömmling des Punk, der sich im selben ruppigen Gestus Funk, Disco ja sogar Dub einverleibte. Bei The Seconds bleibt für stilistischen Kreuzfahrten jedoch kaum Zeit. Man vertraut auf die Überzeugungsfähigkeit repetitiver Gewaltanwendung, wie sie bereits im Urschlamm des Delta-Blues zu finden ist. Kaum mehr als zwei, drei Motive werden pro Song ausgeschlachtet: Der Ein-Ton-Bass peitscht, ein paar kurze Gitarrenriffs, vom schrillen Funk der Gang Of Four her bekannt, fahren einem ins Gehör, während das Schlagzeug - das zwecks Intensivierung der Schockwirkung immer wieder dramatische Pausen macht - wie ein Wirbelsturm über einer Trailerparksiedlung wütet.

Dass längeres Verweilen in einem Song dabei euphorischeren Zuspruch auslöst als das stakkatohafte Abspielen einzelner Songeruptionen, wurde im Konzertverlauf deutlich. Andererseits tritt diese Musik auch nicht wegen Streicheleinheiten an. In ihrer Heftigkeit will sie ebensolche Reaktionen auslösen. Denn zumindest der originale Postpunk neigte dazu, die Welt noch in Underground gegen Mainstream einzuteilen, also eher schwarz-weiß zu betrachten. Die so generierte Wut entlud sich adäquat in der Musik.

Zumindest formal arbeiten The Seconds dieser Stimmung überzeugend zu. In Lehrhoffs Brüllgesang waren auch definitiv keine Liebesgeständnisse versteckt. Nach knapp 45 Minuten entließen The Seconds das Publikum aus ihrem Schraubstock. In den Ohren pfeift's heute noch! Eine Sitzung, wie man sie allen Formatradiomachern wünscht: Böse! Gut! (flu / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9. 7. 2004)

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