Die Republik verabschiedet Klestil

9. Juli 2004, 17:28
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In einer feierlichen Trauersitzung nahm die Bundesversammlung vom verstorbenen Bundespräsidenten Thomas Klestil Abschied

Wien - Was als feierliche Amtsübergabe an den Nachfolger geplant war, wurde eine Abschiedsfeier voller Betroffenheit und Trauer. Die Bundesversammlung gedachte Donnerstagvormittag in einer Trauersitzung dem knapp zwei Tage vor seinem Amtsende verstorbenen Bundespräsidenten Thomas Klestil.

Wohlwollen im Leben

Diesem Tod mit seinen tragischen Umständen sei ein "symbolisches Gewicht" beizumessen, er rege zu "selbstkritischem Nachdenken" an. "Braucht es denn immer erst Krankheit und Tod, dass wir einander etwas mehr Wohlwollen und Dankbarkeit zeigen?", mahnte Schönborn im historischen Reichsratssaal des Parlaments, wo im Anschluss an die Angelobung des neuen Bundespräsidenten Heinz Fischer die Trauersitzung des National- und Bundesrates abgehalten wurde. Der Kardinal konfrontierte die rund tausend Festgäste auch mit der Frage, ob die Anerkennung in Klestils Amtsperiode "nicht manchmal zu sparsam" gewesen sei.

Bewegt und mit Tränen hörte Klestils Witwe Margot Klestil-Löffler die Worte. Sie saß auf der Galerie neben der Witwe von Ex-Bundespräsident Rudolf Kirchschläger, Herma. Trost fand Klestil-Löffler auch in einer herzlichen Umarmung von Margit Fischer, der Frau des neuen Präsidenten. Dieser sagte in seiner Rede, es sei "traurig und tragisch", dass aus der Verabschiedung seines Vorgängers in den Ruhestand eine "Verabschiedung auf Dauer" geworden sei. Er wünsche Margot Klestil-Löffler, dass sich der Schmerz des Abschieds in einiger Zeit "in eine dankbare, helle Erinnerung" verwandeln möge.

Kurz zuvor hatte Bundeskanzler Wolfgang Schüssel einige Stunden zurückgeblendet, "als Klestil im AKH mit dem Tode gerungen" habe. Da habe man gespürt, "wie die Nation zusammengerückt ist". Aus gemeinsamer Betroffenheit sei in diesen Tagen "ein Gefühl des Zusammenwachsens" entstanden. Klestil habe ein neues, "geläutertes Österreich" vertreten, das sich auch zu den dunklen Zeiten seiner Geschichte bekenne. "Unvergesslich", so Schüssel, sei in diesem Zusammenhang Klestils Besuch in Israel.

Parlamentspräsident Andreas Khol schließlich ging in seiner Rede - für den Rahmen dieser Trauerveranstaltung ungewöhnlich - auch auf die von Klestil missbilligte Bildung der schwarz-blauen Koalition im Jahr 2000 ein. In seiner Antrittsrede 1998 habe Klestil "Mut zur Veränderung" eingefordert, wenig später, 1999/2000 habe sich die politische Landschaft geändert. In der "durchaus bewegten Zeit", in der aus der Konsens- eine Wettbewerbsdemokratie wurde, habe sich Klestil "in den Dienst des Konsens gestellt."

Ediths stilles Adieu

Die Frau, mit der Thomas Klestil vierzig Jahre seines Lebens verheiratet war, und für die "das Protokoll" jetzt keinen Platz findet, nahm still und ohne Kameras Mittwochnachmittag von ihrem früheren Mann Abschied. Edith Klestil reihte sich, begleitet von ihrem ältesten Sohn Thomas, der Stunden zuvor noch Margot Klestil-Löffler in die Hofburg zum Sarg des Präsidenten geführt hatte, ein in die Menschenschlange am Ballhausplatz und hinterließ ihrem Mann letzte Worte im Kondolenzbuch.

Die protokollarische Leerstelle, die der ersten Frau des toten Präsidenten zugewiesen wird, "macht ihr nichts aus. Sie will nur, dass ihr Mann in Frieden begraben werden kann und es eine friedliche Beisetzung wird", ließ Edith Klestil über eine enge Vertraute dem STANDARD ausrichten.

Vom Protokoll ist jedenfalls niemand an sie herangetreten, bestätigt man in der Hofburg: "Wir haben nur das Staatliche zu organisieren", keine Familienangelegenheiten. Ob und in welcher Form Edith Klestil am Staatsbegräbnis teilnehmen wird, möchte sie bis Samstag für sich behalten.

An den Trauerfeierlichkeiten werden zahlreiche europäische Staatsoberhäupter teilnehmen. Die Präsidenten der Nachbarländer, der liechtensteinische Fürst Hans-Adam II. sowie der schwedische König Carl XVI. Gustav und der norwegische Kronprinz Haakon haben ihr Kommen zugesagt. Ebenso wie die Staatschefs von Polen, Bosnien-Herzegowina, Irland, Kroatien und Moldawien.

Die Hofburgkapelle, in der Klestils Sarg aufgebahrt steht, ist heute, Freitag, von 9 bis 20 Uhr geöffnet. (DER STANDARD, Printausgabe, 9.7.2004)

Von Walter Müller Lisa Nimmervoll
  • Margit Fischer und Margot-Klestil Löffler bei der Trauersitzung

    Margit Fischer und Margot-Klestil Löffler bei der Trauersitzung

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    Bundeskanzler Schüssel im Parlament

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