Kleinfeld wird neuer Siemens-Chef

18. Juli 2004, 18:14
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Pierer wird Aufsichtsratschef - Keine Auswirkungen auf SiemensÖsterreich - Festnetz- und Mobilkommunikation werden zusammengelegt

München - Siemens-Strategiechef Klaus Kleinfeld wird bereits Anfang 2005 Heinrich von Pierer an der Spitze des Münchener Technologiekonzerns ablösen. Dieser strebt mit der am 27. Jänner stattfindenden Hauptversammlung die Übernahme des Aufsichtsratsvorsitzes an. "Siemens leitet die Verjüngung der Führungsspitze des Unternehmens ein", teilte der Konzern mit weltweit 417.000 Mitarbeitern am Mittwoch in München mit.

Auf Österreich haben die Personalrochaden vorerst keine Auswirkungen. Pierer soll vorerst Aufsichtsratspräsident von Siemens Österreich bleiben, hieß es aus dem Unternehmen auf APA-Anfrage. Der Siemens Konzern beschäftigt in Österreich derzeit rund 14.500 Mitarbeiter.

Keine Bedenken wegen Corporate Governance-Regeln

Ein Sprecher begründete den Wechsel damit, dass Aufsichtsratschef Karl-Hermann Baumann Mitte 2005 die intern geltenden Altersgrenze von 70 Jahren erreicht. "Siemens ist ein wirklich breit aufgestelltes, komplexes Gebilde", sagte er. Der Konzern könne so von der Erfahrung von Pierers weiter profitieren. Bedenken hinsichtlich der Corporate Governance-Regeln gebe es trotz des nahtlosen Wechsels vom Vorstandsvorsitz an die Aufsichtsratsspitze nicht.

Die Entscheidung kommt überraschend, weil bisher eine Verlängerung der Amtszeit von Pierers um ein bis zwei Jahre als wahrscheinlich galt. Der 63-Jährige selbst hatte vergangenes Jahr Ambitionen auf einen Verbleib an der Spitze angedeutet. Kleinfeld war erst Mitte November 2003 in das oberste Führungsgremium - den Zentralvorstand - berufen worden. Zuvor hatte er erfolgreich das US-Geschäft auf Ertrag getrimmt. Allerdings hatte von Pierer zuletzt viel öffentliche Kritik erfahren, weil er an Problemstandorten den Arbeitnehmern die Verlängerung der Arbeitszeit auf 40 Stunden abgerungen und damit auch eine Grundsatzdebatte in Deutschland in Gang gesetzt hatte. Analysten begrüßten übereinstimmend die Personalentscheidung.

Aktie legt zu

Die Siemens-Aktie konnte nach der Nachricht zeitweise zulegen, notierte aber zum Xetra-Schluss mit 56,82 Euro um 0,1 Prozent im Minus.

Der 46-Jährige Kleinfeld soll mit der Hauptversammlung am 27. Jänner 2005 den Vorstandsvorsitz übernehmen und bereits Anfang August Stellvertreter von Pierers werden. Die Aktionäre werden Ende Jänner über die Wahl von Pierers in den Aufsichtsrat entscheiden. Im Anschluss soll der weltweit angesehene Manager den Vorsitz in dem Aufsichtsgremium übernehmen. Karl-Hermann Baumann legt mit der Hauptversammlung sein Amt nieder.

"Der Zeitpunkt war überraschend. Viele haben darauf spekuliert, dass Heinrich von Pierer noch ein oder zwei Jahre machen wird", sagte HVB-Analyst Roland Pitz. "Kleinfeld ist aber ein sehr guter Nachfolger." Bear Stearns-Analyst Axel Funhoff lobte die Internationalität des künftigen Siemens-Chefs. Sein Lebenslauf zeuge von einem fast kosmopolitischen Hintergrund, er verfüge über Turn-around-Erfahrung und komme aus dem Management- und nicht dem Ingenieurbereich. "Klaus Kleinfeld ist sicherlich hoch respektabel und eine gute Wahl", resümierte er.

"Idealbesetzung"

Kleinfeld, der 1987 bei Siemens startete und in Würzburg und Göttingen studierte, hat das lange defizitäre US-Geschäft des Konzerns wieder in die schwarzen Zahlen gebracht. Dabei setzte der Wirtschaftswissenschaftler vor allem auf einen gemeinsamen Vertrieb, um Synergien zwischen den - oftmals getrennt von einander arbeitenden - Bereichen zu heben. Dieses Konzept will Siemens heute auch in Deutschland umsetzen. Zuvor war er Mitglied des Bereichsvorstands der Medizintechnik.

"Er ist die Idealbesetzung", heißt es bei Siemens. Gelobt werden seine Kommunikationsfähigkeit, die Fähigkeit zur Umsetzung von Strategien und seine soziale Kompetenz. Hinzu kämen internationale Erfahrung und Ausdauer. "Er ist ein Sportler, der läuft Marathons."

Spartenzusammenlegung

Siemens kündigte weiter an, die beiden Sparten für Festnetz- und Mobilkommunikation, ICN und ICM, zum 1. Oktober zusammenzulegen. Die Führung des neuen Bereichs werde Lothar Pauly übernehmen, bisher Mitglied des Bereichsvorstands von ICM, hieß es. "Das bedeutet, dass nochmals deutlich Kosten eingespart werden können", sagte Analyst Funhoff. "Die Wahrscheinlichkeit ist damit deutlich gestiegen, dass Siemens aus dem Handygeschäft aussteigt." Für solche Spekulationen gebe es derzeit keinen Analass, sagte ein Siemens-Sprecher.

Die Leiter der beiden Bereiche - ICM-Chef Rudi Lamprecht und ICN-Chef Thomas Ganswindt - sollen zum 1. Oktober ebenfalls in den Zentralvorstand aufrücken. Ganswindt werde von Kleinfeld die Betreuung des gesamten Arbeitsgebiets Kommunikation (I & C) übernehmen, hieß es. Lamprecht solle künftig die Region Afrika, Naher und Mittlerer Osten sowie die Gemeinschaft Unabhängiger Staaten verantworten. Hinzu komme die Betreuung von Bosch Siemens Hausgeräte, Osram und Fujitsu-Siemens Computers.(APA/Reuters)

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