++ Pro & Contra -- Moskitonetz

29. Juli 2004, 10:35
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Nie wieder Mosquitonetze. Denn dort, wo es Netze gibt, gibt es auch Gelsen, und was zuerst da war, ist in der Praxis unerheblich

+++Pro
von Daniel Glattauer

In jedem noch so zarten Tier schlägt eine Art Herz. Und selbst wenn dieses voll gepumpt ist mit dem Blut des Vorgängeropfers, so gilt auch für die Gelse: Sie hat ein Anrecht da zu sein. Sie übertreibt es dabei ohnehin nicht. Die paar Wochen Leben sollten wir ihr gönnen. Die Natur hat das so eingerichtet, sie wird schon ihren Grund dafür gehabt haben. Und, weil wir gerade ein bisschen von Anstand und Moral reden: Ist es nicht billig, eine Gelse zu erschlagen? Kann sie sich wehren? - Nein. Kann sie flüchten? - Nein. (Das heißt: Ja, aber sie tut es nicht, weil sie kein Hirn hat.)

Nun, wie halten wir es mit den Tieren? - Wir zeigen ihnen ihre Grenzen auf. Wenn der Hund nicht ins Haus darf, schließen wir die Tür. Wenn die indische Laufente rot um den Schnabel ist und im Erdbeerbeet die Erdbeeren fehlen, errichten wir einen Zaun. Wenn der Marder die Bremsleitung durchgesägt hat, äh - stellen wir das Auto in die Werkstatt.

Ja, und wenn uns die Gelse in der Nacht zur Blutspende aufruft, dann spannen wir eben ein Netz um unser Bett - und sie muss draußen bleiben (sofern sie nicht hinter dem Kopfpolster auf uns wartet.) Natürlich surrt sie sich den Rüssel aus dem Leib, aber das ist keine Tierquälerei, im Gegenteil: Oft sind die Dinge, die so nah, aber doch unerreichbar sind, die kostbarsten im Leben. So lernt die Gelse Enthaltsamkeit, ehe sie vor vollen Blutgefäßen verdurstet. Sollte sie in der Früh beim Öffnen des Netzes noch fit sein, dann aber: Klatsch.



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Contra--
von Benno Zelsacher

Das Leben als Gelsendippel ist nicht lustig. Ereignisse, die einen Menschen in einen Dippel verwandeln, pflegen sich derart tief einzuprägen, dass sie noch nach Jahrzehnten präsent sind. Bestens eignet sich eine mehrtägige Schlauchboottour die Donau stromabwärts, und eine Sandbank in den Auen ist ein idyllisches Platzerl zum Übernachten in schwülen Sommernächten. Es schwirrt und es surrt, Verzweifelte stülpen sich das Gummiboot über, im provisorischen Hausi kommen Schwirren und Surren noch besser, nur nicht kratzen, heißt die Devise. Am nächsten Morgen paddeln die Gezeichneten.

In einer anderen, ferneren Weltgegend quälen Fliegen jedes Säugetier. Mancher Zweibeiner wehrt sich insofern, als er einen schicken Hut trägt, an dessen Krempe ein Netz hängt, welches um den Hals zusammengebunden ist. Na bitte. Man kann die Ingenieure, also die mit Werkzeug ausgestatteten Flugobjekte, auch auf chemischem Weg bekämpfen. Juckt halt der Spray. Man kann auch hinhauen, sich vorstellen, wie das Tier den eigenen Rüssel frisst, aber das ist Rache und nicht Recht und nutzlos obendrein.

Selbst logierte man einmal am Wasser. Das heißt, dass sich im Park hinter dem Wohnhaus ein Tümpel befand. In dem wunderschön veralgten Tümpel lebten Gelsen und vermehrten sich. Die Fenster der Wohnung waren sommers vernetzt. Nie wieder Mosquitonetze. Denn dort, wo es Netze gibt, gibt es auch Gelsen, und was zuerst da war, ist in der Praxis unerheblich. (Der Standard/rondo/09/07/2004)

  • Artikelbild
    foto: manufactum
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