Genitalien, die das Hirn vergeschlechtlichen?

8. Juli 2004, 07:00
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Homosexuelle Meerschweinchen, wollüstiges Zittern durch Musik und Wellness als Akt der Selbst­erschaffung

Wer sich jetzt eine leichte Sommerlektüre erwartet hat, der soll hier gleich einmal enttäuscht werden: das gerade bei Turia & Kant erschienene Buch "Verkörperte Differenzen" verschafft Lust nur bei Hirn auf "online". Dennoch - oder gerade eben deshalb - sei es wärmstens ans Herz gelegt.

Der auf die "3. Internationale Graduiertenkonferenz Kulturwissenschaften / Cultural Studies" zurückgehende Band versammelt vor allem jüngere WissenschafterInnen, Baujahr 1976 aufwärts. Und diese scheinbar jugendliche Keckheit tut dem Buch - und damit auch den Kulturwissenschaftlichen an sich - wirklich gut.

Psychoanalyse und Verführung durch Musik

Werden hier doch die "neuen, unkonventionellen und revolutionären" - und dabei bereits zu "untoucable classics" - mutierten DenkerInnen, genauso kritisch beäugt wie ältere traditionellere Zugänge. So versucht zum Beispiel die Historikerin und Politikwissenschafterin Maren Lorenz einen Ausweg aus der "methodischen Verwirrung zwischen linguistic turn, Psychoanalyse und Neurobiologie" zu finden. Dabei hangelt sie sich über die momentan überaus modernen und ebenso kommerziell erfolgreichen Konzepte des neuen Biologismus á la "Frauen können nicht parken und Männer nur Schnitzel mit Ketchup essen" über die Psychoanalyse bis hin zu Foucault und Butler und entlarvt allesamt als in den ähnlichen Denkstrukturen verfangen. Also doch wieder keine Aussicht auf die absolute Wahrheit? Mit Sicherheit aber eine Anregung zum Weiterdenken.

Ebenso spannend und entlarvend erweist sich die Debatte rund um die "Konstruktion des Musikhörens in der Literatur um 1800", expliziert von der Musikpädagogin und -wissenschafterin Nicola Gess. Sie zeigt auf, dass bereits in der Antike die Bedrohung durch Musik an einen Geschlechterdiskurs gebunden war. Und auch spätere wache Geister wie Friedrich Schiller schienen nicht frei von Angst in ihrer Beschreibung zeitgenössischer Musik: "Ein bis ins Tierische gehender Ausdruck der Sinnlichkeit erscheint dann auf allen Gesichtern, die trunkenen Augen schwimmen, der offene Mund ist ganz Begierde, ein wollüstiges Zittern ergreift den ganzen Körper, der Atem ist schnell und schwach, kurz alle Symptome der Berauschung stellen sich ein."

Sich selbst Regieren

Die Soziologin Stefanie Duttweiler hingegen betrachtet die Verschiebung der Verantwortlichkeit für das Funktionieren des Körpers in Zeiten der Wellness auf eine selbst. Wie frau aussieht, hat sie selbst in der Hand, so die gängige Meinung in Gesundheitsmagazinen, Lebenshilferatgebern und Fitness-Anweisungen. Selbstverantwortung und Selbstverwirklichung werden eingefordert, wer es nicht bringt, dem Mainstreamanspruch nach "jung, fit und schön" zu entsprechen, ist selber schuld.

Wer oder was daran schuld ist, dass bei der Behandlung sogenannter "ethnischer Gesellschaften" in der Ethnologie selbst heute noch immer nicht auf die Beschreibung sexueller Praktiken und körperlicher Merkmale verzichtet wird, geht die Germanistin, Ethnologin und Soziologin Eva Blome nach. Aber alles soll hier wirklich nicht verraten werden.

(e_mu)

  • Karl Brunner, Andrea Griesebner, Daniela Hammer-Tugendhat
Verkörperte Differenzen
Turia & Kant, 2004
245 S. / EURO 22
ISBN: 3-85132-405-6
    lore heuermann / turia & kant
    Karl Brunner, Andrea Griesebner, Daniela Hammer-Tugendhat
    Verkörperte Differenzen
    Turia & Kant, 2004
    245 S. / EURO 22
    ISBN: 3-85132-405-6
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