Die späten Kosten des Shareholder-Value

20. September 2004, 16:34
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Der private Konsum macht zwei Drittel der westlichen Volkswirtschaften aus - fällt er aus, kommt die Konjunkturerholung nicht vom Fleck

Noch selten war die Konjunkturlage so ausschließlich eine Frage der Perspektive: Aus der Sicht der Industrie geht es wieder aufwärts, die Auftragsbücher werden voller, Wachstumsraten von zwei bis drei Prozent für 2004 und 2005 sind realistische Erwartungen.

Aus Sicht des Einzelhandels, der Konsumenten und der Arbeitnehmer hingegen stehen die Zeichen weiter auf Stagnation. Die Prognosen für den Arbeitsmarkt sind zwar leicht verbessert, das bedeutet aber bestenfalls, dass mittelfristig nicht noch weitere Arbeitslose hinzukommen.

Und die Diskussionen um Arbeitszeitverlängerung, Verlagerung von Produktionsstätten in den Osten und die Angst, ohne nennenswerte Pension den Lebensabend verbringen zu müssen, sind auch nicht gerade dazu angetan, Investitionen in ein neues Auto, Möbel oder Urlaubsreisen anzukurbeln.

Privatkonsum

Doch der private Konsum macht zwei Drittel der westlichen Volkswirtschaften aus - fällt er aus, kommt die Konjunkturerholung nicht vom Fleck. Denn in der ersten Phase wird das zarte Wachstum noch von Investitionen der Wirtschaft getragen. Dann aber muss die private Nachfrage anziehen, sonst geht der Erholung der Saft aus, und auch die Industrieaufträge brechen in Folge wieder ein.

Immer mehr Analysten und Konjunkturforscher meinen, es könnte die "Rache des Shareholder-Value-Gedankens" sein: Die hohe volkswirtschaftliche Rechnung für die betriebswirtschaftlich zumeist sinnvollen Überlegungen, durch Personalabbau und Rationalisierungen die Produktivität zu steigern. Millionen Arbeitsplätze wurden in den späten 90er-Jahren aus diesem Titel gestrichen - und erst jetzt dämmert die Erkenntnis, dass damit auch die eigenen Kunden vor die Türe gesetzt wurden.

"Zusammen mit den durch die moderne Informationstechnologie erleichterten Verlagerungen von Produktionsstätten ist das sicher ein Grund für die derzeitigen Schwierigkeiten," meint etwa Elisabeth Staudner, Expertin von der Constantia Privatbank.

Erholung nicht in Sicht

Und Erholungen an den Arbeitsmärkten sind weit und breit nicht in Sicht: Ein Wirtschaftswachstum von rund drei Prozent ist notwendig, um nachhaltig neue Jobs zu schaffen. Ein Wert, den auch die optimistischeren Prognosen für den EU-Raum nicht erreichen - gar nicht zu Reden von den alten EU-15. Die OECD geht zwar von leichten Verbesserungen aus, doch insgesamt bleibt der Arbeitsmarkt das Sorgenkind.

Dazu kommt, dass die Konjunkturlokomotive USA bereits wieder zarte Bremsvorgänge einleitet: Die jüngste Zinserhöhung auf 1,25 Prozent sei nur der erste kleine Schritt von vielen gewesen, die nun folgen werden, meint Staudner: "In einem Jahr sehen wir die US-Leitzinsen bei drei Prozent." Und der Euro-Leitzins, derzeit bei zwei Prozent, könnte dann bereits bei 2,5 bis 2,75 Prozent stehen, so Staudner.

Lichtblick Osten

Lichtblick blieben für die EU die neuen Mitglieder, meint Staudner: "Nicht wenige Unternehmen werden vom Konsum im Osten leben."

Weniger gut geht es weiterhin dem Gewerbe, hier vor allem kleinen Betrieben, die von Privataufträgen leben: Für sie ist der Aufschwung noch kaum spürbar, während größere Betriebe die Zukunft wieder etwas positiver sehen. (Michael Moravec/DER STANDARD Printausgabe, 07.07.2004)

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