Versteckspiel eines Vokalisten-Genius

12. Juli 2004, 22:22
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Al Jarreau mimte in der Staatsoper ganze drei Nummern lang den Jazzsänger

Wien - Schon seltsam, wenn so genannte "Jazzsänger" allein dadurch Jubelstimmung verbreiten, indem sie tatsächlich wieder einmal "Jazz" singen. Kein Widerspruch für einen Mann wie Al Jarreau, dessen Stimme an der improvisierten Musik geschult ist, die er in den letzten Jahren freilich primär dazu benützte, mittels Pop-lastiger Produktionen Pensionsvorsorge zu betreiben.

Vielleicht ist es ein strategischer Fehler, dass der 64-Jährige mit seinem neuen Album Accentuate The Positive (Universal) beweist, dass er immer noch kann, wofür man ihn für fähig hält. Entsprechend hoch waren nämlich im Hinblick auf seine dienstägige Jazz Fest-Wiederkehr in der Staatsoper die Erwartungen geschraubt. Und entsprechend groß war die Enttäuschung.

Jarreau betrieb erst einmal Hit-Recycling: Route 66, Teen Town, Wait For The Magic, auch Take Five und andere altbekannte Songs wurden auf das Publikum losgelassen, zumeist zu Medleys zusammengefasst, so als würde sich selbst der Interpret ihrer raschestmöglich entledigen wollen.

"I've a new CD out - I don't know if you recognize me." War da Verschämtheit herauszuhören? Eine viel zu lange Dreiviertelstunde lang versteckte Al Jarreau sein neues Album vor dem Auditorium.


Groove im Mund

Dann begann es plötzlich zu zischen und zu grooven in seinem Mund, wurde voll Verve eine rasante Bebop-Linie in den Saal geworfen, selbige in verblüffend virtuosen Vokalisenketten nach allen Regeln der Kunst paraphrasiert. Ja, das war er, der Al Jarreau, der in den 70er-Jahren einst die Welt des Vokaljazz in eine neue Dimension gebeamt hatte. Drei grandiose Nummern lang - Dizzy Gillespies Groovin' High, Eddie Harris' Soul-Jazz-Hit Cold Duck und den Standard Midnight Sun - währte die spielerisch-substanzbewusste Herrlichkeit. Dann herrschte wieder routinierte Nostalgie. Als müsste er das Publikum für diesen Ausreißer entschädigen, schob Jarreau einige der obligaten (und zweifellos immer noch mitreißenden) Hits zwischen Spain und Something That You Said (basierend auf Joe Zawinuls Weather-Report-Klassiker A Remark You Made) nach. Da war mehr drin, Al! (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8. 7. 2004)

Von
Andreas Felber

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    Routinierte Nostalgie mit kurzer Kunsteinlage: Jazzer Al Jarreau in Wien

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